Da steht er, freut sich seines Lebens und kurze Zeit später: Feierabend. Traurig, aber wahr, tausendmal gelesen und gesehen. Schneemann, ade! Oder doch lieber nicht und den armen Wicht in einen Kühlschrank gesteckt, wie kürzlich mal in einem Bilderbuch?

Schluss mit dem Firlefanz von Schneemännern, die tanzen, spielen, von Pinguinen träumen und klug schwätzen. Die Welt des Schneemanns, dessen Geschichte Henri van Daele erzählt und Klaas Verplancke mit Wachsmalkreide und Stift zeichnet, die Welt dieses Schneemanns jedenfalls ist eng und triste. Grundstück am Gartenweg. Ein Haus. Ein paar kahle Birken. Schnee. Weiß und grau und ein sparsames Rot für die wenigen warmen Dinge des Lebens: Schal und Möhre und ein seltsames Glühen am spätwinterlichen Himmel. Nirgendwo ein Kind, nur eine Kohlmeise, ein Rotkehlchen und der Wind. Später noch - kleines Wunder - eine frühe Schwalbe und ein schläfriger Igel. Er ruht in seiner Welt wie ein gefrorener Buddha, belustigt sich am Gezeter der Vögel, lauscht dem Wind, staunt über die Neuigkeiten, die ihm zugeflüstert werden, freut sich an sich selbst. So soll Schneemann sein.

Henry van Daele erzählt so selbstverständlich wie von Großvater und Enkel in seinen erfolgreichen Großer Bär - Kleiner Bär-Geschichten: leise, liebevoll und mit einer feinen Ironie, in der die Ahnung des Vergänglichen schlummert und die Schönheit des Augenblicks. So weise und dabei nur ein bisschen wehmütig klingt das, dass man die verrinnende Zeit zu hören glaubt wie Tautropfen, die vom Ast der Birke in den Schnee fallen. Wir betrachten den Wandel der Natur und des Schneemanns wachsenden Kummer, als seien wir ein unsichtbarer Teil des Bildes. Kein Fünkchen Zweifel plagt uns, dass Wind, Birken und Tiere mit dem schrumpfenden Helden gelegentlich schwatzen.

Respekt vor der Contenance, mit der er das Unausweichliche geschehen lässt. Und Hut ab vor der Haltung, mit der der Mann beim Anblick des wunderschönen Frühlingsmädchens nicht einfach dahinschmilzt, sondern sich in Tränen der Rührung auflöst. "Nichts ist von Dauer, doch alles fängt wieder von neuem an", tröstet ihn das Mädchen. Und wir möchten hinzufügen: Nicht nur dem Anfang wohnt ein Zauber inne, sondern auch dem Ende. Jedenfalls in diesem Bilderbuch.

Henri van Daele/Klaas Verplancke:Vom Schneemann, der nicht schmelzen wollte Aus dem Flämischen von Hedwig von Bülow; Middelhauve Verlag, München 2000; 40 S., 19,80 DM (ab 6 Jahren)