Was sucht ein Daumen in Pontetto? Ein Daumen! "Man wundert sich, daß ein Daumen überhaupt irgendwie zu Fuß sein kann, und fragt sich, was er in Pontetto sucht." Aber er ist dort gewesen, "tatsächlich". Und was wühlt in dem Kind, das weint und weint? "Das weinte seit Tagen, weinte sogar im Schlaf." Und wenn man es fragte, "schnäuzte es sich und sagte: ,Ich bin einfach traurig.'" Ein Mädchen wiederum kannte nur die Kurzweil und war begierig, endlich der Langeweile zu begegnen. Und eine Riesin "hatte Gedanken, die knisterten wie Schokoladenpapier". Das aber ist schon lange her? "Ja", erfahren wir, "sehr lange. Das Wort ,lang' ist viel zu kurz, um diese Zeit auszumessen."

Lauter wunderliche Erscheinungen und Ereignisse, und alle sind sie wirklich, obwohl sie manchmal nicht von dieser Welt zu sein scheinen - ein Irrtum, denn der Schweizer Erzähler Jürg Schubiger hat sie in seiner Fantasie aufgespürt und in einer ungemein schönen trockenen, dichten Sprache niedergeschrieben, so, dass sie sich Kindern eröffnet und Erwachsene fasziniert.

Es sind achtundzwanzig Geschichten. Manche sind nur neun Zeilen, andere neun Seiten lang (und mehr), manche sind so heiter, dass man lacht, andere traurig und trotzdem komisch, manchmal bäumt sich am Schluss die Hoffnung auf. Fast immer machen sie einen staunen - und meistens nachdenklich: Man denkt ihnen nach.

Wir lesen da zum Beispiel von einem dünnen Blatt Papier (trinkt Bier), zu dem sich im Wirtshaus ein dickes Schwein (trinkt Wein) gesellt und einen mörderischen Eklat heraufbeschwört; oder von der Liebestragödie, die sich zwischen einer Kuh und einem Sauerampfer zuträgt. Wir lesen von den Brüdern Bedam und Cedam und den Schatten, die ihnen an den Füßen hängen. Wir lernen die Wörter der Tiere, mit denen sie krähen, bellen, meckern, quaken, bis auf die Fische, die erst die Pausen zwischen den Wörtern beherrschen.

Rätsel also? Nein, nicht eigentlich Rätsel. Es sind kuriose, oft hintersinnige, durchweg berückend poetische Geschichten, darin der Erzähler fabuliert und dabei, das ist nicht unwichtig, wie nebenbei zu lauter kleinen philosophischen Turnübungen einlädt. Denn es sind Geschichten, in denen mehr als in den Märchen möglich ist, zum Beispiel das Bedauern, "daß man nicht sein kann, wo nichts ist", oder die Beobachtung, dass in den "gelbsten" Äpfeln "Apfelleute" hausen, die, sobald man hineinbeißt, seltsam schmecken; was Wunder auch, denn sie tragen Jeans und Pullover, und einer hat sogar Ohren und versteht ein wenig Deutsch und weiß außerdem, dass es seinesgleichen gar nicht geben könne, weshalb sie eben so lebten, als gäbe es sie nicht.

Es ist obendrein ein ungewöhnlich schönes Buch, das man sich unter die "50 schönsten Bücher des Jahres 2000" wünscht: distinguiert der Einband, elegant die Antiquaschrift, wohltuend ruhig der Satzspiegel, angenehm das gelbliche Papier, reizend die elementaren, klar konturierten blau-grau-schwarzen Zeichnungen - die dritte Zusammenarbeit von Jürg Schubiger und der Buchkünstlerin Rotraut Susanne Berner.

Es ist, wie gesagt, ein Buch für Kinder, es ist aber auch eines für Erwachsene. Eigentlich hätte es, als es erschien, auf die Bestenliste gehört. Aber Literaturkritiker lesen so etwas nicht.