Wenn ein großer Lyriker über rätselhafte Katzen schreibt - und sei es für Kinder und sei es über die Suche nach dem kleinen schwarzen Kater Pepé -, dann klingt fast unweigerlich ein poetisches Universum an: das Universum des französischen Lyrikers der Moderne, Charles Baudelaire, der vor 150 Jahren in den Katzen, in ihren unergründlich sprechenden Augen zumal, Symbole der Sehnsucht und Suche und Neu-Gier sah. Zwischen Himmel und Hölle: Dort sitzen und streunen die Katzen, auf der Suche nach der Stille und dem Schrecken der Dunkelheit, darin ähnlich den Forschern und den Liebenden, die wissen, dass erst hinter der Welt des Sichtbaren sich verbirgt, was im Grunde die Suche lohnt.

Katzen hin oder her, Baudelaire verstand nichts von Kindern. Das unterscheidet ihn von seinem amerikanischen Kollegen Charles Simic, dem Lyriker der Gegenwart, der von Katzenpoesie und von Kindern so viel versteht, dass eines der schönsten Kinderbücher auf Erden, heißt zwischen Himmel und Hölle, daraus entstand: Wo steckt Pepé? Sein erstes Kinderbuch! Dass dieses Buch nun am Baudelaireschen Universum teilhat, ist nicht minder der jungen Illustratorin Wiebke Oeser zu danken, ihr und der Farbe Gelb, wovon noch zu reden sein wird.

Ein Kater verschwindet, der saß auf der ersten Seite des Buches noch auf seinem Stuhl und sah ausgesprochen nett aus mit seinem buschigen Schwanz. Und auf dieser ersten Seite steht: "Er ist klein und ganz schwarz bis auf die zwei gelben Augen, die immerzu sagen: Ich kann nicht glauben, was ich sehe." - "Ich auch nicht", sagte an dieser Stelle beim Vorlesen das kleine Mädchen Caroline, "viele Sachen sind gelb, aber nicht seine Augen." Das stimmt. Und darin liegt die Schönheit dieses farbenreichen Buches. Pepés Augen sind keineswegs gelb, sondern schwarz, aber schon das Papier der Aufschlagseiten ist leuchtend gelb, und der Fußboden unter Pepés Stuhl ist es und das Kleid von Hanna und vieles mehr, auch das Telefon, auch das Ohr des Hundes. Soll man glauben, was man sieht? Was denn sonst?

Pepé ist also plötzlich verschwunden, nirgends zu sehen. Und die Geschwister Hanna und Tim, die vielleicht fünf und anderthalb Jahre alt sind, machen sich auf die Suche, wer weiß, was Pepé jetzt anstellt? Die Mutter, gelb ihr Haar, sitzt gelassen am Tisch, dort bleibt sie sitzen und lässt geschehen, und zum Schluss ist sie eingeschlafen. Was kann schon geschehen? Die Suche der Kinder führt durch einen Kinderhaushalt, und Wiebke Oeser hat ihn als Sinnbild des Chaos aus Dingen gemalt, dem wir einen Sinn verleihen, indem wir es bewohnen und durchsuchen.

Die Suche führt unters Sofa, übers Sofa (leuchtend rot), in den Schrank des Elternschlafzimmers (gelb das Kleid der Mutter). In den Spiegel - da war doch Pepés Schwanz eben zu sehen? In den Wäschekorb, unter die Zeitungen, in die Sammlung von Stofftieren im Kinderzimmer, in die Küche. Hanna und Tim kriechen, klettern, robben, schleichen, kindlich und katzengleich. Trauen sich in die Stille, verzagt; ins Dunkel, ängstlich Hand in Hand. "Der Keller ist stockfinster bis auf zwei gelbe Augen." Da leuchten tatsächlich zwei kleine Punkte gelb, doch als die Kinder das Licht anmachen, ist von Pepé nichts zu sehen, ob man es glaubt oder nicht.

Dabei scheint er stets in der Nähe zu sein. Seine Pfoten haben ja auf fast jedem Bild Spuren hinterlassen (nur keine gelben), im Spiegel, auf der Fensterbank, auf dem Sofa ... Und buschig wie sein Schwanz, zum Verwechseln ähnlich, sind die Federn auf Mamas Sommerhut, ist der Staubwedel, der Schwanz des Hundes. Pepé, der Unsichtbare, muss in der Nähe sein, zum Greifen nah. Dann - die alte Magie des Namens - rufen die Kinder ihn: Pepé! Und da sitzt er, der Kater. "Hier ist er doch, direkt hinter uns!" Klein und schwarz, mit buschigem Schwanz, ausgesprochen nett anzusehen. Seine Augen sind keineswegs gelb. Und sagen: "Ich kann nicht glauben, was ich sehe!" Wenn das kein Grund ist zu suchen.

Charles Simic:Wo steckt Pepé? Aus dem Amerikanischen von Uwe-Michael Gutzschhahn; Hanser Verlag, München 2000;