Er läuft und läuft und läuft, doch sobald er stehen bleibt, beginnt sich die Welt um ihn herum zu drehen. Er wird zur Achse, zieht die Menschen magnetisch an und begegnet ihnen mit einer Naivität, die man kaum einem Kind zutrauen würde - die Legende Maniac Magee.

Jerry Spinellis Roman spielt in einem zeitlosen Amerika, man vermutet die fünfziger Jahre im Hintergrund. Jeffrey alias Maniac Magee ist ein zwölfjähriger weißer Junge, der seine Eltern bei einem Zugunglück verloren hat und bei Verwandten aufwächst, die durch und durch verlogen sind. Diese Verlogenheit treibt Jeffrey eines Tages aus dem Haus. Er flieht und wird - lange vor Forrest Gump - zum Läufer, der sich mit der Geschicklichkeit eines Magiers durch das Leben bewegt. Auf seiner Reise berührt er die unterschiedlichsten Welten, ohne sich in einer von ihnen richtig niederzulassen.

Mit derselben Geschicklichkeit lässt Spinelli seine Charaktere auftreten - mit sparsamen Strichen gezeichnet, ob dies nun Mrs. Pickwell ist, die ihre Kinder mit einem Pfiff von überall her wie an einer unsichtbaren Leine nach Hause zieht, oder Marsriegel, ein schwarzer Junge, der so irre ist, dass es irrer nicht geht. Die absurden Episoden überraschen, man lacht und schüttelt ungläubig den Kopf, aber - was das Wichtigste ist - der Leser wird gleichzeitig mit der Zuversicht erfüllt, dass Helden noch lange nicht ausgestorben sind.

Ob Pizzaallergie, Froschbaseball oder ein monströser Knoten - das Buch ist voller Wunder. Das größte Wunder aber ist Jeffreys Furchtlosigkeit. Keine rattenverseuchte Müllkippe und kein Geisterhaus schrecken ihn. Auch die Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen ignoriert er in seiner Naivität. Sie ist auch Jeffreys Motor, der ihn vor nichts Halt machen lässt. Wem dabei seine Furchtlosigkeit in vielen Momenten unrealistisch vorkommt, der sollte sich fragen, warum einem Ängste und Unsicherheiten so normal erscheinen. Jeffrey bewegt sich leichtfüßig zwischen schwarzem East End und weißem West End, als würde er nirgendwo und überall dazugehören. Und genau so nehmen ihn auch deren Bewohner auf. Immer haben sie einen Platz an ihrem Tisch frei, stellen ihm ein Bett zur Verfügung und behandeln den Jungen, als wäre er ein Teil ihres Lebens.

Die Magie dieses Romans wächst aus der Einfachheit, mit der Spinelli problematische Themen präsentiert, ohne sie übertrieben zu dramatisieren. Erst durch Jeffreys Anwesenheit werden die Konflikte greifbar. Und doch bleibt die Handlung subtil, so spektakulär sie ist: Ein Frosch wird statt eines Baseballs geworfen; eine chaotische Familie kommt endlich zur Ruhe; ein einsamer Mann findet in Jeffrey einen Freund.

Spinelli hält bis zum Schluss die Balance und überschreitet fast nie die Grenze zum Kitsch. Als Maniac Magee im zweiten Teil des Buches dem alten Mann das Lesen beibringt und mit ihm Weihnachten feiert, da wird einem schon mulmig im Magen. Die Sentimentalität schwillt, alles wird viel zu schön und viel zu farbig. Doch genau in diesem Moment versetzt Spinelli dem Leser einen trockenen Schlag in die Magengrube und verwandelt den Kitsch in harte Realität. Jeffrey rennt los.

Er ergreift immer dann die Flucht, wenn er keine Lösung mehr sieht. Wie in dem Augenblick, als die schwarze Familie, bei der er wohnte, von ihren eigenen Leuten bedroht wird, weil sie einen Weißen aufgenommen hat. Die Umkehrung des Ku-Klux-Klans. Keine Moral, keine Parabel, einfach eine Geschichte, deren Erzählstil - schon in Spinellis Roman Taubenjagd war ernur schwer zu greifen - vom Übersetzer ohne Haken und Ösen ins Deutsche übertragen wurde. Fast glaubt man, die amerikanische Sprache zwischen den Zeilen atmen zu hören.