Norman Birnbaum, amerikanischer Gesellschaftskritiker, hat keine Angst vor starken Worten. Er nennt Bushs Sieg einen "Staatsstreich der republikanischem Mehrheit im Supreme Court". Und so geht's weiter: "'Freier Markt' bedeutet das Recht der Wohlhabenden auf ungehinderte Ausbeutung von Mensch und Natur. Das waren die Wahlkampfthemen der Republikaner ­ was ihre juristischen Vertreter nicht daran gehindert hat, beim Supreme Court ein bundesweites Interesse am Stopp der Nachzählung in Florida geltend zu machen, mit der Begründung, dass nicht allen Wählern der gleiche Schutz zuteil werde. Es gab natürlich keinen Einspruch der Republikaner gegen die Schikanierung schwarzer Wähler, gegen die Unzulänglichkeit der Zählmaschinen in ärmeren Counties oder gegen die unverfrorenen Interventionen von Wahlfunktionären, wenn es darum ging, abwesende Republikaner mit Briefwahl-Unterlagen zu versorgen." Und auch die Journalisten bekommen ihr Fett ab: "Die meisten amerikanischen Journalisten sehen sich nicht als die halbgebildeten Angestellten, die sie sind ­ sie halten sich selbst für einen Bestandteil der herrschenden Elite; Fragen nach der Legitimation dieser Elite sind ihnen unangenehm. Ihre lauten Appelle an Gore, die Forderung nach Nachzählungen fallenzulassen, ihre Erfindung einer Ungeduld des Volkes, für die es nicht einen überzeugenden Beweis gab, ihre Forderung nach Einigung spiegeln ihre eigene politische Rolle wider ­ die Weigerung, sich mit ihrem Status als bezahlte Dienstboten der Macht auseinanderzusetzen." Eijeijei, da ist einer richtig wütend.

Unter einem guten Stern beginnt Bush sein Amt nicht. Andrian Kreye, Kulturkorrespondent der SZ in den USA schildert die Katerstimmung nach dem ominösen Richterentscheid: "Die Wahl ist entschieden, das Warten hat ein Ende. Doch der kathartische Moment, auf den die Welt gewartet hat, blieb aus. Die letzten 24 Stunden der großen Krise begannen mit Reportern, die vor den Stufen des Supreme Court verwirrt in den 65 Seiten des Gerichtsdokuments blätterten und vergeblich nach dem salomonischen Urteil suchten. Und sie endeten mit einem zornigen Gore, der sich nur widerwillig geschlagen gab, gefolgt von einem bedrückten Bush, der nur zögerlich seinen Sieg verkündete." Immerhin sollen sich die beiden Kandidaten demnächst treffen, um Versöhnung zu demonstrieren." Und sie werden das ernst meinen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig?", fragt Kreye. Es bleibt allerdings der Zweifel an einem Wahlsystem, das diese Peinlichkeit zuließ.

Willi Winkler zitiert aus einem Porträt über Günter Grass, das am Donnerstag im Feuilleton der New York Times erschien ­ der amerikanische Journalist ist eigens nach Portugal gereist, wo Grass' Ferienhaus steht, und schreibt: "Hoch über einem leeren Tal und fünfzehn Kilometer von der Atlantikküste entfernt sitzt der Schriftsteller auf der schattigen Terrasse seines portugiesischen Hauses und trinkt Weißwein, aber nicht einmal hier kann er aufhören. Er brandmarkt Deutschland dafür, dass es Asylbewerber ablehnt. Er wirft den Politikern der großen Parteien vor, dass sie durch ihre Kritik an der Einwanderung aus der Dritten Welt Rechtsextremisten erst ermutigen. Er ist außerdem besorgt, weil sich die jüngeren deutschen Autoren nicht zu Wort melden. ( . . . )" Und Winkler meint dazu: "Es muss schön gewesen sein in Portugal. Ein Glas Wein, Pfeife rauchen, Deutschland und alles den New Yorkern erklären."

Weitere Artikel widmen sich dem Gerangel um die Führung in Bayreuth und der Dokumentation von Christoph Schlingensiefs "Ausländer raus"-Aktion letztes Jahr in Wien.

Besprochen werden Lars Büchels Film "Jetzt oder nie", die deutschsprachige Erstaufführung von David Gieselmanns "Herr Kolpert" an der Schaubühne Berlin, eine Münchner Ausstellung des belgischen Künstlers Michel François und die von Catherine David organisierte Ausstellung "Der Stand der Dinge" in den Berliner Kunstwerken.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2000

Einen stinkewütenden Artikel liefert Dieter S. Lutz vom Institut für Friedensforschung an der Universität Hamburg über den Kosovo-Krieg. Danach hat sich in einem Bericht der Parlamentarischen Versammlung der Nato, die von der Nato unabhängig sei, nun endgültig herausgestellt, dass die Kosovo-Albaner, und hier besonders die UCK, selbst schuld gewesen sind am Krieg. In dem Bericht steht zum Beispiel: "So nahmen die Angriffe der UCK auf serbische Sicherheitskräfte und Zivilisten ab Dezember 1998 stark zu. Der Konflikt eskalierte neuerlich, um eine humanitäre Krise zu erzeugen, welche die Nato zur Intervention bewegen würde. Lutz schließt daraus: "Mit anderen Worten nach dem aktuellen Generalbericht der Parlamentarier-Versammlung der Nato und entgegen offiziellen Nato-Darstellungen, insbesondere vor dem Krieg, waren also nicht die Serben, sondern die UCK verantwortlich für die Konflikteskalation und die Erzeugung der Krise im Kosovo. Eine späte, eine zu späte Einsicht!" Aber es geht noch weiter: Um die Massaker von Racak oder Rugovo, die mobilisierend auf die westliche Öffentlichkeit gewirkt hätten, gebe es "dirty secrets", die Lutz allerdings nicht benennt. Die Vertreibungen von Kosovo-Albaner seien nur vorläufig gewesen: "Wer diese Berichte erstmals liest, ist höchst erstaunt. Zum Beispiel über die Information, dass die Albaner von den serbischen Streitkräften vorab gewarnt wurden und auch wieder in ihre Dörfer zurückkehren konnten." (Wahrscheinlich diente alles nur dem Schutz der Bevölkerung!) Der Bundesregierung wirft Lutz mit ihrem Kriegseinsatz Verfassungsbruch vor. Erstaunlich, dass die FAZ einen solchen Artikel abdruckt. Nun hätte man gern eine Antwort von Joschka Fischer oder Rudolf Scharping.