Gould ist zwölf Jahre alt, hat in theoretischer Physik promoviert und ist so hoch begabt, dass seine Professoren ihm den Nobelpreis prophezeien. Shatzy hält nichts davon, einem Kind so etwas mitzuteilen. Denn vielleicht will es den Nobelpreis ja gar nicht gewinnen? Shatzy ist die junge Frau, der die schönen roten Schuhe auf dem Buchcover gehören, und Goulds neues Kindermädchen. Sie arbeitet an einem grausamen, aber fantastischen Western, der auch im Buch zu lesen ist und dessen Sprache genauso lässig ist wie Shatzy selbst. Gould hat keinen Western im Kopf, sondern Boxen. Manchmal geht er aufs Klo, um dort laut Boxkämpfe fürs Radio zu kommentieren. Shatzy findet das merkwürdig. "Warum holst du dir im Badezimmer nicht einfach einen runter wie alle Jungs?" - "Das mache ich im Bett", sagt Gould, "ist bequemer."

Shatzy ist eine junge Erwachsene, eine lebenskluge, und Gould ist ein erwachsenes Kind. Sein Intellekt ist brillant, nur kann er damit außerhalb der Uni wenig anfangen. Von diesem Problem hat man irgendwie schon mal gehört, und auch Alessandro Baricco kommt in seinem neuen Roman City nicht um das Klischee der ehrgeizigen Professoren und des emotional vernachlässigten Genies herum. Aber Baricco bewahrt seinen Witz. Seine Hauptfiguren Gould und Shatzy haben mit einer Menge Professoren zu tun, die uns ihre Vorstellungen von der Welt unterbreiten. Zum Beispiel: "Menschen haben Häuser und sind Veranden." Was heißen soll, dass alle Menschen zwar eine persönliche Lebenswahrheit haben (im Haus), sich aber ihr Leben lang lieber auf der Veranda vor dem Haus aufhalten.

City spielt in Amerika, wahrscheinlich dem Land mit den weltweit meisten Veranden vor dem Haus. Die einzelnen Geschichten - Shatzy und Gould, die Boxkämpfe, der Western, die Professorenepisoden - zeigen eine Stadt, in der die meisten Menschen lieber nicht ins Haus gehen. Stattdessen stehen sie auf der Veranda und damit ein klein wenig neben sich.

Shatzy kann sehen, wie Gould neben sich steht. Sie ist fasziniert von der These, dass jeder Fluss mit allen Biegungen und Krümmungen genau den dreifachen Weg braucht, um ins Meer zu münden, als wenn er direkt dorthin flösse. Shatzy glaubt, dass es im Leben genauso ist: dass die Menschen verstört im Zickzack laufen anstatt geradeaus und dass es deshalb dreimal so lange dauert, bis sie an ihr Ziel gelangen.

Die Veranda, der Fluss - Baricco spart nicht an Metaphern für das menschliche Dasein. Auch in Seide, Bariccos 1997 erschienener poetischer Parabel auf die Liebe, ging es um die Schleifen, die der Protagonist Joncour dreht, bevor er das reale Glück seiner Fantasien zu Hause im eigenen Bett vorfindet. Die großen Umwege bebilderte Seide mit den Reisen Joncours von Frankreich nach Japan. Sie erzählten von der Idee des Fremden und vom Nachhausekommen. City bleibt in Amerika, springt allerdings zwischen verschiedenen Zeiten. Es geht um die großen Fragen: Wer bist du? Wer willst du sein? Und wie sehen dich die anderen? Shatzy geht diesen Fragen in ihrem Western nach, Gould in seinen Boxkämpfen. Das Schöne am Buch ist, dass es über 15 Seiten einen solchen Boxkampf beschreiben kann, ohne zu langweilen. Mit dem Empfinden kennt sich Baricco gut aus, und das Denken überlässt er ohnehin seinen Professoren. Und am Ende des Buchs hat man Gould und Shatzy deshalb so gern, weil man dabei war, wie sie dreimal um ihr Haus streiften, anstatt einfach reinzugehen.

Jenny Friedrich-Freksa

Alessandro Baricco:City Roman; aus dem Italienischen von Anja Nattefort; Carl Hanser Verlag, München 2000; 336 S., 39,80 DM