Unausweichlich treibt dieses Leben auf sein Ende, auf seine letzte Szene zu. Nicolas Aftalion steht am Ufer der Seine, und plötzlich scheint ihn das Wasser zu dem entscheidenden Schritt über den Rand förmlich zu zwingen: "Kein Selbsterhaltungstrieb schwächte die Anziehungskraft dieser Handlung, die in seiner Macht stand ... Plötzlich, genau in der Sekunde, als seine Aufmerksamkeit von einem fernen Spaziergänger abgelenkt wurde, tat er diesen Schritt nach vorn." Seine Mutter, in ihrem schäbigen, gemeinsamen Hotelzimmer, wird weiter dahindämmern, ihren Sohn und die Erlösung aus dem Elend erwartend.

Verstörend ist die Rigorosität, mit der Emmanuel Bove den einmal angeschlagenen Ton dieses Romans zu seinem Ende führt, und verstörend die Konsequenz, mit der seine Figuren ihr eigenes Scheitern zwanghaft ins Werk setzen. Die Verbündeten, das sind Mutter und Sohn Aftalion, die nach dem Tod des Vaters verarmt ins Paris der zwanziger Jahre kommen; ihr Bündnis besteht in der Weigerung, die Welt, ihre Wirklichkeit und ihre Forderungen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Eine Weigerung, die immer schneller, immer tiefer in Elend, Hunger und Tod führen muss. Nicolas Aftalion verbringt seine Zeit auf Spaziergängen, in Cafés und immer wieder mit Versuchen, das fürs Leben nötige Geld irgendwo, bei Verwandten, Freunden, Bekannten, zu borgen; seine Mutter erwartet ihn zu Hause, zuerst in einer Wohnung, dann im möblierten Zimmer, zum Schluss in den billigsten Hotels, wo man auch einmal für ein paar Wochen die Miete schuldig bleiben kann. Ist es Nicolas noch einmal gelungen, ein paar tausend oder nur hundert Franc aufzutreiben, so werden diese von den Verbündeten jedoch ebenso schnell wieder im Restaurant, im Kino oder bei Einkäufen vergeudet.

In keinem Augenblick gibt Bove eine Erklärung für dieses so unbegreifliche wie konsequente Leben, Psychologie ist ihm so vollkommen fremd wie soziale Deutungen. Die Lakonie seines Stils beschränkt sich auf die Festellung eines "So ist es", und gerade durch die Sparsamkeit seiner Mittel gelingt es ihm, die Geschichte eines eigentlich recht trivialen Scheiterns zu einem das Tragische streifenden Rätsel zu machen. Warum halten Mutter und Sohn Aftalion es für ausgeschlossen, ihren Lebensunterhalt, wie alle Welt, durch gewöhnliche Arbeit zu verdienen? Woher beziehen sie im äußersten Elend ihre unerschöpfliche Hoffnung auf das erlösende, am nächsten Tag eintreffende Geld? Wie kann einem die letzte Erniedrigung durch Armut noch immer lieber sein als der Alltag eines durchschnittlichen Arbeitslebens? Der Roman gibt keinerlei Antwort, ja, er verschließt sich geradezu, als wären solche Fragen ein Riss in der hermetischen Egozentrik, mit der diese Leben ablaufen.

Zu den verhängnisvollen Lastern der menschlichen Seele zählt von alters her die Trägheit; es ist, als habe Bove Figuren entwerfen wollen, die nichts anderes sind als Verkörperungen dieser einen Regung. Nicht einmal den Tod findet Nicolas aus eigenem Entschluss; vielmehr ist es dieser, der ihn, den passiv Reagierenden, unwiderstehlich an sich zieht. Zu allem sind diese Menschen fähig: zu Leiden, Verzweiflung, Hoffnung, nur zu einem nicht - zum Handeln. Ein magischer Bann hält sie fest, aber ein magischer Bann, der durch die Kunst des Romanciers auch im 20. Jahrhundert wirksam bleibt. Auf der einen Seite das realistisch gezeichnete Paris des Jahrhundertbeginns, auf der anderen Seite archaisch anmutende, einer pflanzenhaften Trägheit verfallene Charaktere, die hier die Tragödie ihres eigenen Untergangs spielen - der 1927 erschienene Roman zählt gewiss zu den stärksten Werken dieses fast vergessenen und spät wiederentdeckten Romanciers. Es gelingt ihm, seine Geschichte bis an ihr unvermeidliches Ende zu führen, ihr Rätsel aber zugleich intakt zu lassen. Für Bove wird es das Rätsel menschlichen Handelns schlechthin gewesen sein. In einer Epoche der großen Antworten - psychologische, politische, gesellschaftliche Antworten - ist dieses Beharren auf der Frage, dieses Zögern vor der vermeintlichen Gewissheit, bestimmt keine geringe Leistung.

Die alltäglichen Tragödien der Unauffälligkeit

Gleichzeitig mit den Verbündeten erscheint ein weiterer Roman von Bove auf Deutsch: Ein Mann, der wußte ist 1942 entstanden, als Bove sich im südlichen, unbesetzten Frankreich aufhielt, wurde damals aber nicht veröffentlicht. Obwohl also fünfzehn Jahre zwischen der Niederschrift der beiden Bücher liegen, verbindet sie verblüffend viel. Wieder ist es die Geschichte eines Scheiterns, eines Aufgebens und eines Lebens ohne wirklichen Halt. Maurice Lesca, ein ehemaliger Arzt, wohnt mit seiner Schwester Emily in einer kleinen Wohnung in Paris, ohne Beschäftigung, ohne Ziel, etwa wie zwei ältere Verwandte der Aftalions. Etwas aber unterscheidet Maurice Lesca doch von Nicolas Aftalion, und das ist es, was dem Buch seinen Titel gegeben hat. In einem wenn auch sehr vagen Sinne ist sich Lesca seiner Situation durchaus bewusst, und was bei Nicolas die große Lebenslüge war, wird bei ihm zu einer Resignation, die jede Enttäuschung schon im Voraus akzeptiert: "Ich verstehe jetzt, weshalb ich bei allem, was ich unternommen habe, gescheitert bin. Ich verstehe, weshalb ich arm bin, keine Freunde habe, keine Frau und keine Kinder. Was mir eben widerfahren ist, ist mir schon hundertmal widerfahren. Ich gefalle nur den Leuten, die leiden, nur jenen, die im Leben schon ausgeschieden sind, gefalle nur dort, wo mir nichts Erfreuliches widerfahren kann."

Es wirkt, als habe Emmanuel Boves Ton sich noch weiter beruhigt in diesem späten Werk; verloren gegangen ist die Dramatik des Scheiterns, die Konsequenz im Untergang der Verbündeten. Doch wissend ist der Mann, der wußte auch nicht wirklich geworden, seine Selbsterkenntnis bleibt ihrerseits gefangen im täglichen Einerlei eines unauffälligen Lebens. Der Mann, der wusste, das ist in Wahrheit Emmanuel Bove selber, ein Autor, der wie wenige ein Gespür, einen Blick hatte für die Tragödien der Unauffälligkeit und das Scheitern im Alltäglichen. Seine Bücher aber sind alles andere als alltägliche Literatur.