Man kann darauf wetten: Wann immer jemand einen Band mit Kurzgeschichten herausbringt, kommt aus den Reihen unserer kritischen Begleiter und Begleiterinnen die sonore Frage: "Na, junger Mann (junge Frau), wann kommt denn jetzt der große Roman?" (Man ist immer "jung", solange man Kurzgeschichten schreibt.) Dabei erscheinen doch die ganze Zeit eine Masse Romane, die groß sind (alles über 400 Seiten, würde ich vorschlagen) und deren Helden und Heldinnen "Heinrich" (große bedeutungsvolle Traditionslinie!) oder "Fraulob" heißen, was manchen zu einem enthusiastischen Ausrufezeichen - "Fraulob (!)" - hingerissen hat, wo ein schockiertes sic! oder sick! eher zu erwarten gewesen wäre. Oder ein besorgtes sick?. Schließlich ist Brigitte Kronauer eine erstklassige Schriftstellerin. Sie sollte (in ihrem Roman Teufelsbrück) nicht solche Sachen machen.

Da ein großer Teil unserer Literatur von ehemaligen und immer noch praktizierenden Germanistikstudenten gemacht wird, die sich weigern, den Seminarraum zu verlassen, weil schließlich alles, was sie können und wissen, aus dem Seminarraum kommt und wieder zum Seminarraum zurückstrebt, werden wir auch weiterhin bekommen, was wir schon im Übermaß haben - Germanistikstudenten, die für Germanistikstudenten schreiben. Es schreibt eben am Ende doch jeder für seine Klasse, wie man an einer literarischen Funktion namens Politycki sehen kann. Die Funktion hat oder hatte allerdings eine interessante Frisur.

Aber jetzt zurück zur Kurzgeschichte: Vor vielen Jahren hat der englische Kritiker V. S. Pritchett in einer Besprechung von Flannery O'Connors Kurzgeschichtenband Everything That Rises Must Converge über die Kurzgeschichte in England und Amerika geschrieben, der englische Geschmack im 19. Jahrhundert gehe mehr aufs Wiederkäuerische und Ausführliche: "Wir haben lieber auf der großen Weide des Romans gegrast, und sogar Erzählungen von Dickens, Thackeray oder Mrs. Gaskell kommen uns vor wie Kapitel aus aufgegebenen längeren Werken. Frei von der englischen Selbstzufriedenheit des neunzehnten Jahrhunderts, haben sich die amerikanischen Schriftsteller schon früher einer kürzeren Form zugewandt, die von der Flüchtigkeit der Dinge bestimmt ist. Während wir in der sichersten, wind- und wasserdichtesten Gesellschaft der Welt lebten, stand der Amerikaner alleine an der leeren Straßenecke einer Welt, die - verglichen mit der unseren - anarchisch war; der Ire Frank O'Connor fand, dass anarchische Gesellschaften am ehesten eine Kunst hervorbringen könnten, die sich ganz elementar auf die bestürzenden Einsichten und den inneren Aufruhr richtete, von denen der einsame Mann oder die einsame Frau plötzlich, mitten in ihrem Alltag, mitgerissen werden können."

Ein Leben am Rand der Gesellschaft und der Armut

Nicht das "Talent", nicht der längere oder kürzere Atem, nicht unbedingt nur der Markt und auch kein Wettbewerb für die beste Kurzgeschichte machen einen Schreiber zum Kurzgeschichtenschreiber, sondern eine bestimmte Art von Gesellschaft, bestimmte Lebensumstände, die einen langen Atem gar nicht zulassen. Raymond Carver, über den ich hier reden will, erklärt - in einem persönlichen Essay mit dem Titel Fires - seine Situation so: Er hatte nur sehr wenig Zeit zum Schreiben, und das bedeutete, dass er sich an Gedichte und Kurzgeschichten halten musste, wenn ihm seine Arbeit überhaupt Befriedigung bringen sollte, die Art von Befriedigung, die man spürt, wenn man etwas abschlossen hat.

"Wenn ich meine Gedanken hätte zusammenhalten und meine Energie zum Beispiel auf einen Roman hätte konzentrieren können, dann wäre ich immer noch nicht in der Lage gewesen, auf das Einspielergebnis zu warten, das - falls es überhaupt eines gab - vielleicht erst in ein paar Jahren zu erwarten war. In der Zukunft, und ich sah keine Zukunft. Ich musste mich hinsetzen und etwas schreiben, das ich jetzt fertig machen konnte, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, heute nacht, oder wenigstens morgen nacht, nicht später, wenn ich das Interesse verloren hatte."

Der Mangel an Geld, ein Leben fast am Rand der Gesellschaft und bestimmt am Rand der Armut - das war der eine Grund, warum er kaum Luft zum Schreiben fand. Der andere Grund waren seine Kinder. Seine beiden Kinder, schreibt er in Fires, seien der stärkste Einfluss in seinem Leben und seinem Schreiben gewesen, 19 Jahre lang, ein "bedrückender und oft verheerender Einfluß": "Natürlich gab es damals auch gute Zeiten; bestimmte angenehme und befriedigende Erfahrungen, die nur Eltern machen können. Aber ich würde lieber Gift nehmen, als dass ich diese Zeit noch einmal durchmachen möchte."