Als William Faulkner 1950 den Nobelpreis für Literatur erhielt und wider Erwarten doch in Stockholm auftauchte, schockierte er die Festversammlung nicht mit Alkoholdunst und lässiger Kleidung, sondern mit einfachen, fast treuherzigen Sätzen: Er beklagte, dass die jungen Schriftsteller "die Probleme des menschlichen Herzens im Konflikt mit sich selbst" preisgegeben hätten, Probleme, die den Rang des Schreibens überhaupt ausmachten und allein "die Agonie und den Schweiß" lohnten. Es war nicht nur ein unzeitgemäßes, sondern auch ein imagespaltendes Bekenntnis für einen Autor, der doch, wie nur James Joyce (und noch nicht Beckett), als Prosa-Experimentator galt, als Roman-Avantgardist, als Einsiedler in seiner eigenen literarischen Landschaft, als jemand, der eher dem Strom des Bewusstseins als dem Pochen des Herzens nachhing. Das menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst - das zeigte einem auf den abgeschotteten Artisten fixierten Europa, mit welch antiker Treue dieser William Faulkner an seinen Menschen und ihrer Landschaft, an den Sümpfen der einen wie der anderen, hing. Mit seinem Yoknapatawpha County arbeitete er nicht so sehr an einem Kunstwerk als an einer lebendigen Population - ein Schöpfer in Agonie und Schweiß.

Bald nach der Rückkehr aus Europa erreichte den nun international Renommierten ein Angebot der amerikanischen Zeitschrift Holiday (seltsam, dass es nicht Atlantic Monthly oder Harper's oder der New Yorker waren), eine größere Arbeit über Mississippi zu schreiben. Man einigte sich auf ein - eher bescheidenes - Honorar von 2000 Dollar; im März 1953 beendet Faulkner seinen etwa 40 Schreibmaschinenseiten langen Text; erst ein gutes Jahr später erscheint er in der Aprilausgabe 1954 des Magazins.

Dieser Zeitschriftentext ist jetzt in einer der schönsten Reproduktionseditionen der letzten Jahre nachzulesen. Roland Reuß und Peter Staengle haben das Mississippi-Typoskript als Faksimile herausgegeben, seine Bedeutung herausgearbeitet, seine Lesarten ertüftelt und es - die schwierigste Aufabe - ins Deutsche übersetzt. Man sieht, in ihrem editorisch mustergültig versorgten Band, dem Mittfünfziger Faulkner über die Schulter und auf die Schreibmaschinen: auf die mit der großen Pica-Schrift, die zu Hause in seinem Arbeitszimmer steht, und auf die andere in New York, die ihn bei seinen Aufenthalten dort mit einer Art Perlschrift, der Elite, bedient. Man sieht diese alten Tippseiten und staunt, wie schmucklos und büromäßig Jahrhundertprosa daherkommen konnte, wie einfach, ja, verletzlich so ein Meisterwerk vorgelegt wurde (während doch heute jede Pressemitteilung eines Automobilkonzerns aussieht wie die Prachtausstattung der Zehn Gebote). Man sieht, mit Staunen, die wenigen Korrekturen und wagt, an den Herausgebern vorbei, die Vermutung, es müsse vielleicht vorher eine handschriftliche Skizzierung gegeben haben. Und man staunt über die im Anhang präsentierten Originalfotos, mit denen Holiday damals Faulkner illustrierte, halb Vom Winde verweht, halb vorweggenommenes Roadmovie. Glamourös noch im Elend.

Und man liest endlich diesen (erstmals ins Deutsche übersetzten Text) als eine parasomatische Lebens- und Landschaftsbeschwörung. Da träumt sich einer mit großer Entrücktheit und immer noch starker Passion, mit Altersweisheit und störrischster Aufsässigkeit noch einmal durch die Stationen von Leben und Werk, von Heimat und ihrer Unterwanderung, von Gewachsenem und seiner fortwährenden Zerstörung durchs Geld. (Um es im aktuellen Vokabular zu sagen: der redliche recount eines unbestechlichen Mannes.) Mississippi, das ist ja nicht nur ein Staat, das ist der Mythos Amerikas, sein dunkler, greller Bezirk, seine amphibische, ambivalente Region. Und Mississippi ist vor allem der Name des großen Stroms, von dem schon Mark Twain (80 Jahre früher) geschrieben hatte, er sei so etwas wie der "Leib der Nation".

So ist denn der Höhepunkt der Faulknerschen Rhapsodie seine Beschreibung des Ol' Man River, die Schilderung einer Überschwemmung: wie da der Strom in den Erzählfluss überschwappt und der Erzähler abtaucht vor der Gewalt dessen, der ihm die Details überflutet und den Sinn deutlich macht. Der große Strom als Bruder im Geist, im Handwerk.

William Faulkner:Mississippi Amerikanisch/Deutsch; Edition TEXT 2; mit begleitenden Materialien herausgegeben von Roland Reuß und Peter Staengle; Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main 2000; 128 S., Abb., 98,- DM