Noch sind nicht Hopfen und Malz verloren. Weniger, weil Aris Fioretos, geboren 1960 in Göteborg als Sohn griechisch-österreichischer Eltern, ein vielseitig gebildeter Mann ist, der Hölderlin, Nabokov und Auster ins Schwedische übersetzt und sich in einigen theoretischen Arbeiten mit der Grauzone zwischen hermetischem Sprechen und dem Unsagbaren befasst hat, sondern weil er wirklich schreiben kann. Nicht so wie seine schwierigen Götter - neben den Genannten sind es Beckett, Kafka, Benjamin -, sondern konventionell-professionell: unterhaltsam, stimmungsvoll, ironisch und fesselnd selbst da, wo der Leser längst weiß, dass er mit spektakulären Weiterungen und Umschwüngen nicht zu rechnen hat. Es gibt da freilich ein Problem: Den meisten, die seinen Debütroman zur Hand nehmen, wird dies alles entgehen.

Die Ungeduldigsten, enerviert vom zähen Detaillismus einer zum wievielten Male entdeckten Langsamkeit, werden schon abgesprungen sein, bevor sie auf Seite 13 erfahren können, wie die Geschichte ausgeht: dass nämlich ihre Heldin, eine Mittzwanzigerin namens Vera Grund, die sich am 17. Dezember des Jahres 1925 von Berlin nach Stockholm begibt, um dort ihren schwedischen Vater ausfindig zu machen, vier Tage später unverrichteter Dinge zurückkehren wird. Wer sich tapfer entschließt, zumindest einen Blick auf die nordische "Hauptstadt der langen Nächte" zu tun, muss das Fegefeuer der poetischen Ambition durchmessen: eine schier nicht endende, eklektisch-betuliche Zelebration von Synchroniziät und ein von Irrlichtern des Tiefsinns durchspuktes Zappenduster der Sprache. Zum Stillstand treten die Attribute des Horror Vacui: Der Weg nach innen, in die Reflexions-, Wahrnehmungs- und Empfindungszonen der Protagonistin ist gesäumt von ausgeleierten Adjektiven, pretiösen Metaphern und angestrengten Vergleichen, die allesamt ins Bildlose münden. Wenn sich die Mantelgürtel zusammenrollen wie Schlangen "unter Drogen" und Sturmböen "mit der Schulter" gegen Fenster werfen, bevor sie "beschämt weiter ihres Weges" ziehen, wenn man mit Weisheiten behelligt wird wie der, dass das "intensive Meer dem Wort ‰Blau' zum ersten Mal einen Sinn" verleiht, während aus irgendeiner Peripherie ein "blondes" Lachen dringt - ja, dann möchte man sich eigentlich schnellstens ausklinken aus der ganzen im "Nun fragen wir uns, lieber Leser"-Stil eingeleiteten Vatersuche und das Weihnachtsfest bei den Buddenbrooks oder, wenn es denn schon schwedisch sein muss, mit Selma Lagerlöf verbringen.

Es steht zu befürchten, dass nur Masochisten, ästhetische Dickhäuter und bezahlte Leser, Rezensenten also, das fünfte Kapitel erreichen, in dem ein greiser Neurobiologe namens H. H. Schaumberg mitsamt seiner Sonderlingsbiografie eingeführt wird. Da strafft und klärt sich plötzlich der Ton, auch wenn nicht recht ersichtlich ist, was der faustische "Seelenforscher" und Schädelvermesser mit der ganzen Geschichte zu tun haben mag. Das klärt sich lange nicht, denn der medizinhistorische Exkurs, den der Autor an den Casus dieser zwielichtigen Figur aus den Vorhöfen der Rassenhygiene knüpft, lässt die Romanhandlung beinah vergessen: ein so gelehrtes wie untergründig spöttisches Privatissimum, dem Laienverstand eben noch fasslich, in dem die abstrusen Experimente, grotesken Irrtümer und heimtückisch-vertrackten Flügelkämpfe einer Wissenschaftlergeneration von hochgemuten Materialisten vorgeführt werden, die das Geheimnis der menschlichen Seele aus Gehirnfunktionen extrapolieren zu können glaubten. Schaumburg ist der spekulative Grenzgänger unter ihnen: einmal, weil er Umweltfaktoren eine entscheidende Rolle für die Entwicklung des Kraniums zubilligt (die besten klimatischen Voraussetzungen, als Geistesmensch aus dem triebhaften Primatengewimmel herauszuragen, hat der schwedische Mann), und dann, weil er als Sitz der Seele einen "feinen, subatomaren Stoff" vermutet, der ans Immaterielle grenzt.

Dieser Ausflug in die Schule der Sachverhalte bringt den Autor offensichtlich auf den Boden seines handwerklichen Könnens, gelegentliche Gespreiztheiten nicht gerechnet: Nach rund hundert Seiten kommt die Geschichte tatsächlich in Fluss: ein eher sprödes, sehr skandinavisches Mysterium, so seltsam zwischen Nacht und Tag gespannt wie das nur vom Schnee und von gelblich-trüben Laternen erhellte Stockholm. Ganz leise abgedreht wirken die Menschen, alles Reden schlingert zwischen beflissener Konventionalität und Affront, und die Gespräche, in denen sich das Rätsel des Mannes klärt, der zwei Jahrzehnte zuvor spurlos aus dem Leben von Frau und Kind verschwunden ist, scheinen sich an den Rändern von Träumen zu bewegen. Es ist ein medizinisches Rätsel: Veras Vater, so stellt sich heraus, war durch Jahre der private Patient des Professors und sein spektakulärster Fall; ein Mann, der sich als Kopf ohne Körper empfand und sich nach und nach aus diesem zurückzog, ohne dass eine erkennbare Schädigung der Nerven auszumachen gewesen wäre. Leo Tager, so sein Name, war das ideale Objekt für Schaumbergs Forscherwahn: ein beinah reines Gehirn, in dem es nur die paralysierte Seele zu wecken, den "wunderbaren neurologischen Staub" aufzuwirbeln galt, um den willensschwachen Appendix aus Fleisch und Knochen wieder "in ein lebendiges Wesen" zu verwandeln.

Dass er rein nichts bewirkt hat, entgeht ihm bis zum Tod - ein Schlaganfall rafft ihn dahin, bevor Vera ihn aufsuchen kann. Aber sie weiß genug: Der Vater lebt. Der Ausfall, steht zu vermuten, geht auf die "Amygdala" zurück, den ältesten Teil des Gehirns, der für die Motorik verantwortlich ist. Die Seele - bleibt ein Geheimnis. Vera beschließt, nachdem sie das Puzzle von Leo Tagers Leben zusammengetragen hat, ihn in seinem fremden Leben unbehelligt zu lassen und reist ab.

Es gibt eine merkwürdige Kongruenz zwischen dem Roman und dem Fall, den er beschreibt: Wie Leo Tager seinen Körper mühevoll in Besitz nehmen muss, so findet der Autor den adäquaten Erzählton erst nach Irrwegen. Übersetzer und Lektorat hätten ganz entschieden noch manches verbessern können an diesem halb verfahrenen Debüt: Seine Disparatheit freilich wäre geblieben. Nun hängt alles davon ab, ob sich Aris Fioretos bescheiden kann, seinem Talent zu folgen: einem Talent für die Geheimnisse der stofflichen Welt - mitnichten aber für den Gesang der Seele.

Aris Fioretos:Die Seelensucherin Roman; aus dem Schwedischen von Paul Berf; DuMont Verlag, Köln 2000; 357 S., 42,- DM