Von allen Definitionen eines Romans lautet die schlichteste: Ein Roman ist ein Buch mit mehr als 300 Seiten, auf dem vorne "Roman" draufsteht. Jostein Gaarders jüngstes Buch hat 430 Seiten, und vorne steht Roman drauf. Also muss man ihn zunächst als Roman lesen.

Fangen wir mit der Handlung an. Frank, so heißt ein mittelgroßer, blonder Norweger im besten Mannesalter, landet an einem feuchten, windigen Morgen auf Taveuni. Von Beruf ist er Biologe, Spezialgebiet Reptilien. Die kleine Fidschiinsel Taveuni liegt auf der Datumsgrenze, und deshalb hat es eine Reihe von Gästen dorthin verschlagen, die aus verschiedenen Gründen an der bevorstehenden Jahrtausendwende interessiert sind. Man kommt zwangsläufig ins Gespräch. Das dreht sich bald um philosophische Fragen: Wie konnte die Evolution Leben hervorbringen? Gibt es einen Plan? War das Bewusstsein schon in den ersten Genen angelegt? Moderiert wird das Ganze von John Spooke, einem englischen Schriftsteller, der auch der eigentliche Erzähler des Buches ist, das zur Hälfte allerdings aus einem langen Brief von Frank an seine Exfrau Vera besteht. Darin beschreibt er, wie er das Geheimnis von Ana und José aufzuklären gedenkt. Ana ist von einer Schönheit, die Frank vertraut erscheint. Sie und José reden von Zeit zu Zeit in seltsamen Sätzen: "Herzdame ist ihre eigene Blüte"; "in den Äpfeln des Auges kollidieren Sicht und Einsicht"; "der Blick wird von hyperintegrierten Proteinen und Aminosäuren fokussiert". Und so weiter. Es folgt ein großes Tischgespräch über Gott, den Zufall und die Frage nach der Notwendigkeit. Dann reisen alle ab.

Monate später treffen sich die Hauptakteure in Madrid wieder. Briefe sind inzwischen gewechselt, Vermutungen getauscht worden. Der Prado spielt eine Rolle, Francisco Goya, alte Zigeunersagen, Kartenspielertricks. Mehr zu verraten hieße den Mörder nennen. Am Ende wird jedenfalls alles gut.

Oder fast. Denn als Roman ist Jostein Gaarders Maya zwar spannend, aber nicht auf einem Niveau, das höher läge als, sagen wir, der neue Grisham. Eher darunter. Wie schon in Sofies Welt schreibt Gaarder einen öligen Stil, den man ihm nur deshalb nachsieht, weil er etwas zu sagen hat. Aber was? Das ist gar nicht so einfach. In Sofies Welt ging es seinerzeit darum, einem Mädchen von 14 Jahren abendländisches Denken zwischen Demokrit und Freud nahe zu bringen. Das war nicht nur verdienstvoll, das war auch erfolgreich (obwohl, im Nachhinein gesehen, zweite Liga gegen Harry Potter). Jetzt will Gaarder mehr. Nämlich die Widersprüche einer einzigen Theorie auflösen. Und zwar der Evolutionstheorie. Die Evolutionstheorie steckt voller haariger Fragen. Die haarigste: Gibt es Wirkungen, deren Ursache später eintritt als sie selbst? Das ist eigentlich ein Problem der Quantenphysik, und man kann dazu nur so viel sagen, dass die Quantenphysik es ganz bestimmt nicht löst. Gaarder müht sich redlich, er ist auf der Höhe der wissenschaftlichen Diskussion. Wer das nicht ist, wird bei ihm gut bedient. Schwierig wird es da, wo Gaarder versucht, Darwin und Planck mit den Mitteln des Romans zu überwinden. Dazu fehlt ihm die Sprache, deshalb müssen Ana und José so geschwollen daherreden. Ein Sachbuch würde an dieser Stelle sowieso den seriösen Boden verlassen.

Roman hin, Sachbuch her - Maya oder Das Wunder des Lebens passt in keine Kategorie. Wohin dann? Für ein Jugendbuch ist es zu hochgestochen, für einen Krimi zu metaphysisch, für eine Liebesgeschichte zu konstruiert und für einen Ratgeber zu ausschweifend. Damit ist sonnenklar, wohin dieses Buch gehört: unter den Weihnachtsbaum.

Jostein Gaarder:Maya oder Das Wunder des Lebens Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs; Carl Hanser Verlag, München 2000; 430 S., 39,80 DM