Wer über ein berühmtes Werk der Literaturgeschichte zu schreiben hat, der hüte sich, es zu rezensieren. Ein solches Werk ist der Kritik entrückt, denn es hat seine Lebenskraft bewiesen, mag es auch mit noch so vielen Makeln auf die Welt gekommen sein. Der Autor, der eine Atmosphäre, eine Welt, lebendige Figuren geschaffen hat, die in die Vorstellung auch jener Leute einziehen, die das Buch niemals lesen werden, ist der Literaturkritik enthoben. Wer hier nörgelt, beweist nur die Ohnmacht seines Regelwerks gegenüber der Herrschaft im Reich der Fantasie.

Der im Jahre 1900 geborene Julien Green hat als junger Mann drei Romane geschrieben - Mont-Cinère (1926); Adrienne Mesurat (1927); Leviathan (1929) -, die als seine Meisterwerke gelten und auch in Deutschland schnell ein großes Publikum fanden. Ihren Gegenstand haben sie zwar nicht erfunden, aber besonders eindringlich zur Geltung gebracht: die Schrecken der französischen Provinz. Kleinstädte, die nicht lieblich schlafen, sondern wie Insektenorganismen erstarrt sind, Ärmlichkeit und Hässlichkeit, die wie auf einem kalten Stern eine unveränderliche Monumentalität gewonnen haben, das Grau erstickten Lebens, eine Hoffnungslosigkeit, die der Hölle Dantes angemessen wäre, brutale Gewöhnlichkeit und zitternde Neurasthenie bilden die Ingredienzien, aus denen Green seine Tragödien baut.

In Adrienne Mesurat, soeben in neuer Übersetzung von Elisabeth Edl erschienen, prägt sich der Schauplatz besonders tief ein. Das exemplarische Wohnhaus eines kleinbürgerlichen Rentiers, dessen Fenster auf Häuser mit geschlossenen Läden hinter hohen Gartenmauern blicken, ist das Seelengefängnis der jungen Adrienne, und es wird auch das Gefängnis des Lesers, der sich dabei ertappt, wenn er, wie das arme Mädchen weit aus dem Fenster gelehnt, versucht, den engen Gesichtskreis dieser Welt zu sprengen. Quietschende Gartentore, ein düsterer Salon mit napoleonischem Barock und der "Friedhof" genannten Wand voller Familienfotografien, enge Korridore, steile Treppen bilden das Innere dieses Hauses, das nach dem Geschmack des Verfassers zu viele Fenster hat und dennoch keinen Fluchtweg eröffnet.

Wir alle kennen dieses oder ähnliche Häuser. Bis tief ins 20. Jahrhundert hinein hütete Frankreich seinen schönsten Schatz, die Rückständigkeit seiner Provinzen. Was die Autoren beschrieben, die sämtlich in der Provinz verwurzelt waren und ein Leben in der Spannung zwischen Paris und dem Land zubrachten, was die Filmer der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre in ihrem flackernden Schwarzweiß festhielten, konnte noch lange jeder Reisende selbst erleben, der auf einer Route Nationale schnurgerade durch verlassenes Land und geheimnisvoll schweigende hellgraue Städtchen fuhr.

Adrienne Mesurat wohnt in der Rue Thiers, und dieser Name allein umfasst die Welt ihres unglücklichen Daseins. Thiers war einer der Protagonisten der Regierung des Bürgerkönigs Louis-Philippe, der ist der Inbegriff für die Lebensform, die Adriennes Vater repräsentiert und die seit der Revolution bis nach dem Zweiten Weltkrieg ein bürgerliches Ideal in Frankreich darstellte: die Hegung eines kleinen, in Staatspapieren angelegten Familienvermögens in eiserner Sparsamkeit, nach kurzer Arbeitszeit in Paris der Rückzug in die Provinz, ein von unerschütterlichen Gewohnheiten regierter Alltag im engsten Familienkreis. Der selbstbewusste, atheistische oder doch laizistische Kleinbürger, der mit der Oberklasse das Ideal des Müßigganges teilt, ist der Typus, in dem sich das nachrevolutionäre Frankreich bis in die Dritte Republik hinein wiedererkannte. "La France profonde" wird die Provinz genannt, und in der Schilderung eines kleinen Rentier-Milieus in La Tour-L'Eveque sprach ein Autor der zwanziger Jahre jedenfalls die Absicht aus, ein Bild des tiefsten, des eigentlichen Frankreich zu entwerfen.

Vielleicht ist dem Blick Greens auf die Provinz so viel Erfolg beschieden gewesen, weil die Beschäftigung mit den Regionen fernab von Paris immer schon ein hoch emotionaler Vorgang in Frankreich gewesen ist. Man kennt die Bataillone der Provinzverherrlichung, die den Provinzverfluchern manche Niederlage beibrachten. Die Provinz ist die Hölle, die Provinz ist der Himmel, steht auf den Fahnen der Kombattanten geschrieben. Himmlisch ist es, seine alten Hosen aufzutragen, angeln zu gehen, von ferne das Glockenläuten zu hören, in der Grabesruhe des getäfelten Esszimmers Pasteten zu schmausen. Höllisch ist es, mit der ganzen eigenen und fremden Bosheit immerzu im selben Topf zu schmoren, immer tiefer in Langeweile und Leere zu versinken, der Sinnlosigkeit der stolzen Rentiers-Autonomie ins Gesicht blicken zu müssen.

Pagnol, Giono: pralles Menschentum der Provinz, den Dämonen ausgelieferter Nihilismus. Wo stehen die Parteien politisch? Da wird es interessant. Von Deutschland aus würde man vermuten, dass die emanzipierte Linke das Stadtleben preist und dass die antirepublikanische Rechte vom gesunden Bauerntum schwärmen wird. In Frankreich ist es umgekehrt: die "Revolutionsgewinnler" leben ihre glücklichen "Onkel Benjamin"-Existenzen auf dem Land, während Katholiken und Reaktionäre seelische Ausgebranntheit und die mickrigen Triumphe der Bosheit bei Bauern und Kleinstädtern wahrnehmen. Julien Green gibt so seinem strengen Kammerstück einen an eine Puccini-Oper gemahnenden Schluss, als er die atheistische Adrienne ausgerechnet an einem Quartorze-Juillet zu Marseillaise- und Feuerwerkdonner den auch vorher nicht prominent entwickelten Verstand endgültig verlieren lässt.