Yasushi Inoue (1907 bis 1991) ist der im deutschen Sprachraum vermutlich populärste Autor der japanischen Gegenwartsliteratur, noch vor Yasunari Kawabata und Kenzaburô Ôe, den beiden Literaturnobelpreisträgern des letzten Jahrhunderts, auch vor dem umstrittenen Yukio Mishima und Haruki Murakami, dem Star der japanischen Postmoderne. Inoue ist als Erzähler kein avantgardistischer Autor. Innovativ ist er nur als Lyriker gewesen. Der großen menschlichen Anziehungskraft seines riesigen Lebenswerkes hat das keinen Abbruch getan.

Sein Name ist ein sprechender Name: "I-no-ue: über dem Brunnen". In einem seiner unverwechselbaren Prosagedichte aus dem Zyklus Eroberungszüge hat er den Blick des siebenjährigen Kindes in den aufgelassenen Schacht eines Brunnens als sein Urerlebnis, den Augenblick des ersten Erwachens, eindringlich vergegenwärtigt: "bemoostes, altes Steingemäuer, wuchernde Farne, schaudernd eisige Luft; und drunten auf dem Grund stand reglos und wie ein rostiger Spiegel das Wasser ..."

Seit den beiden Erzählungen, die ihn 1950 berühmt gemacht haben, Das Jagdgewehr und Der Stierkampf, steht das Grundgefühl der Kälte, der Distanz im Mittelpunkt seines Werkes. Und in diese Zeit führen auch die drei Erzählungen zurück, die nun erstmals in der vorzüglichen Übersetzung von Richmod Bollinger das deutsche Publikum erreichen. Tod, Liebe und Wellen, Der Steingarten und Der Hochzeitstag. Alle drei Erzählungen sind wie die früheren, aber auch wie die großen Romane Die Eiswand und Die Höhlen von Dun Huang überaus spannende Literatur. Die Spannungshitze ist eine erste erzählerische Kompensation der Kälte. Ihren eigentümlichen Sog erhalten die Erzählungen indes durch den selbstmörderischen Zug hinab, zur kalten Düsternis der Brunnentiefe.

Die Titel gebende Erzählung führt einen Mann und eine Frau zusammen, die gleichzeitig, ohne voneinander gewusst zu haben, auf den Klippen der Kumano-Küste Selbstmord begehen wollen. Er, ein reicher Erbe, hat seine geschäftliche Ehre verloren; sie ist verlassen worden. Beklemmend die fast beiläufige Lakonie, mit der das Selbstmordprojekt seinem tödlichen Ende zustrebt. Niemand hindert den andern, von seiner Freiheit den radikalsten Gebrauch zu machen. Er verliert sich in seiner letzten Lektüre, einem historischen Bericht über eine Reise auf der Seidenstraße, während sie zu den Klippen geht.

Kein gemeinsames Ende, kein Wannsee-Suizid wie bei Heinrich von Kleist und Henriette Vogel. Die für europäische Ohren an die literarische Romantik anklingende Verheißung des Titels ist gänzlich irreführend. Diese kaum erträgliche Distanz lässt auch nicht eine Spur von Gefühlskitsch aufkommen, wenn die Geschichte beider schließlich doch noch ins Leben und zur Liebe zurückführt. Das Paradox ist das Antidot gegen den Kitsch: Seine Fühllosigkeit provoziert ihre Empörung als lebenserhaltende Reaktion.

Abrupt und extrem die Wendungen des so genannten Liebeslebens auch im Steingarten. Uomi pervertiert die Liebe zum Konkurrenz- und zum sadistischen Machtspiel. Doch just auf seiner Hochzeitsreise, im berühmten Steingarten des Ryoanji-Tempels in Kyoto, dessen ästhetische und meditative, keineswegs didaktische "Botschaft" die Kargheit der Wahrheit ist, wird er von seiner Frau verlassen. Paradox, vielleicht etwas zu konstruiert auch hier die Struktur, nur dass jetzt die Entwicklung in umgekehrter Richtung verläuft. Dank einer Art von erotischer Nemesis divina führt das nie berechenbare Leben von der Hitze der ersten Leidenschaft zu Trennung, Kälte, Leere.

Schließlich das brillante tragikomische Satyrspiel des Bandes: Der Hochzeitstag, um den es geht, soll nachgeholt werden. Ein seit fünf Jahren verheiratetes Kleinbürgerpaar, dessen gemeinsame Lebensbasis die Sparsamkeit ist, gewinnt in der Lotterie und beschließt, die Hälfte des Gewinns in die seinerzeit unterbliebene Hochzeitsreise zu investieren. Wie diese dann scheitert, wie beide von dem verinnerlichten Geiz, der kleinbürgerlichen Variante der Kälte, eingeholt werden - das könnte bei allem skurrilen Witz, den die Erzählung entfaltet, ebenfalls in die Tragödie führen, wenn Inoue sie nicht jene berührende Wendung nehmen ließe, die für die nicht verkitschte Humanität seines Werkes so charakteristisch ist. Bevor die Frau stirbt, findet ihr Mann ein erstes, ein einziges Mal mit der Schlafenden zusammen: "Shunkichi selbst fand lange keinen Schlaf, vielleicht war er zu erschöpft. Vor seinen müden Augen flackerten immer wieder Bilder auf von der weißen Straße am Bergrücken im eisigen Wind und vom kalten Blau des Sees und erloschen wieder. Sonst sah er nichts. Plötzlich wurde ihm bewußt, daß Kanakos Körper von eisiger Kälte durchdrungen war. So kalt, als sei nichts mehr zu machen, Shunkichi preßte sie fest an sich und wärmte so seine tief schlafende Frau mit der Wärme seines eigenen Körpers. Seine Mitstreiterin, die mit ihm den ganzen Tag in den Bergen herumgelaufen war und ständig gegen irgend etwas angekämpft hatte, rührte ihn auf einmal auf bisher nie empfundene, herzzerreißende Weise."