Arche Literatur Kalender. Der (wie seit Jahren) anregende Jahresbegleiter spiegelt diesmal alle Arten von "Mit- und Gegeneinander" - zwischen Vater und Sohn, Großvater und Enkel (Thomas Bernhard), Mutter und Tochter, Dichter und Verleger (Benn/Schifferli), Bub und Mädchen, Mann und Frau, girl and girl und was so alles möglich ist. Etwas überrascht liest man die Erinnerung, der so scheuen, wilden Erzählerin Virginia Woolf über einen Frühlingsabend mit ihrer Schwester Vanessa und dem Schriftsteller Lytton Strachey vor fast hundert Jahren in einem Salon: "Plötzlich ging die Tür auf, und lang und düster stand er auf der Schwelle. Er deutete mit dem Finger auf einen Flecken auf Vanessas weißem Kleid. ,Samen?' fragte er. Kann man so etwas wirklich sagen? dachte ich, und wir brachen in Gelächter aus. Mit diesem einen Wort waren alle Hemmungen beseitigt ... Mit der gleichen Erregung und dem gleichen Freimut, mit dem wir über das Wesen des Guten gesprochen hatten, sprachen wir nun über den Beischlaf." (Hrsg. von Klaus Blanc, Elisabeth Raabe, Regina Vitali; Arche Verlag, Zürich/Hamburg; 57 Blätter, 34,- DM)

Aufbau Literatur Kalender.Was Arche für den Westen, war Aufbau für den Osten: erste Klasse. Zu DDR-Zeiten mussten die Kalendermacher versuchen, unbequeme Autoren und Texte einzuschleusen. Nach einer Zeit der Angleichung an den Westen besteht nun die Redaktion - zu Recht - auf der guten, literarischen Tradition ihrer Arbeit. Wo finden wir schon aufsässige Texte neben Choral-Versen - und schönen Bildern aus alter oder neuer Zeit? Dieser Kalender ist, wieder einmal, eine Entdeckung zwischen Heine, Fontane, Gide, aber auch zwischen so vergessenen Autoren wie Carl Hauptmann und Konstantin Simonow, Bertha von Suttner und einem so ausgemusterten Dichter wie Ferdinand von Freiligrath, der 1851 den letzten Vers seines Gedichts Die Revolution mit den Worten schließt: "Sie ist nicht tot!" Als ob der Sozialismus tot wäre, weil ein paar vom "Kapitalismus" besoffene Geldraffer sich bei "Übernahmen" (Deutsche/Dresdner Bank; Daimler/Chrysler) verheben - zum Schaden der "kleinen" Leute. Es gäbe den "Klassenkampf" nicht mehr? Man kann's auch anders nennen. Hitler wollte den Sozialismus der mörderisch kommunistischen Art weit von sich schieben. Am Ende stehen die politischen Gegner an der Tür seiner Bunker-Kemenate. Welcher Kalender wagt von solchen Widersprüchen zu reden? Aufbau erinnert an einen Mann, der zwischen 1935 und 1940 im Pariser Exil verhungert ist: Iwar Georg Andreas von Lücken, 1874 als Sohn eines deutschen Offiziers und einer russischen Prinzessin geboren. Lebenswerk: vierzig Gedichte, zwei Prosastücke - und eines der besten Porträts von Otto Dix (1929). - Dieser Kalender hat ein paar Zeilen mehr verdient: Hier wird, einmal, nachgedacht, in welche Zeit so ein Wechselrahmen aus kräftigen Worten, überraschenden Bildern trifft - etwa mit diesen Versen von Franz Werfel aus dem Gedicht Traumstadt eines Emigranten, die nach einem halben Jahrhundert erschreckende Aktualität gewinnen, wenn der von fremdenfeindlicher Horde zu Tod Gejagte sich so "entschuldigen" muss: "Ich hab ja nichts getan, ... als daß ich eure, meine Sprache sprach." (Hrsg. von Günther Drommer, Ute Henkel; Aufbau Verlag, Berlin; 60 Blatt, schwarz/weiß und farbig; 32,- DM)

Hermann Hesse Kalender.Dreizehn Aquarelle und Gedanken über die Musik. "Etwa von meinem sechsten Jahr an begriff ich, daß von allen unsichtbaren Mächten die Musik mich am stärksten zu fassen und regieren bestimmt sei. Von da an hatte ich meine eigene Welt, meine Zuflucht und meinen Himmel." (Hrsg. von Volker Michels; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 34,- DM)

Kleiner Bruder.Seit Jahren einer der besten Kalender. Der Pastor auf Sylt, Traugott Giesen, der die Monatsblätter mit einem Gedicht aus alter oder neuer Zeit schmückt, hat nie Berührungsängste. Geistliche Lyrik oder Gebrauchs-Reimereien - wenn Leser etwas damit anfangen können, ist alles willkommen - diesmal: Wilhelm Busch und Hölderlin, Eich und Fried, aber auch eine unbekannte Lyrikerin wie Florabella Espanca (1894 bis 1930), André Chénier (1762 bis 1794), auf der Guillotine ermordet, oder James Krüss und der früh gestorbene Richard Leistung (1934 bis 1997). (Verlag Langewiesche-Brand; Ebenhausen; 52 S., 24,- DM)

Ödon von Horváth wird 2001 hundert Jahre alt. Eines der schönsten Geburtstagsgeschenke liegt schon auf dem Tisch: Der von einer rührigen Buchhändlerin betriebene Kleinverlag "Blattwerk" in Murnau am Staffelsee bringt einen Literaturkalender heraus, der mit Daten für 2001 und 2002, mit 36 Auszügen aus Erzählungen, Romanen, Theaterstücken zwei Jahre (und mehr!) gültig ist - oder wie könnte man einen so trostlosen Seufzer anders verstehen? "Du hast in mir drinnen gewohnt und bist aber seit heute ausgezogen aus mir - und jetzt stehe ich da wie das Rohr im Winde und kann mich nirgends anhalten." (Hrsg. von Kathrin Mühlfellner, Untermarkt 24, 82418 Murnau; 28,- DM)

Der Literarische Katzenkalender empfiehlt sich Leser(inne)n und Pelz-Freund(inn)en inzwischen von selbst. Beweis? Das Bekenntnis von Erik Orsenna aus seinem bei Hanser erschienenen Buch Inselsommer: "Katzen sind Wörter mit Pelz." (Hrsg. von Julia Bachstein und Esther Scheidegger; Schöffling & Co., Frankfurt am Main; 60 S/W-Fotografien; 38,- DM)

Der Literarische Reisekalender. Das Groß-Segel, mit dem dieser Kalender in die See des neuen Jahrtausends sticht - könnte es besser beschriftet sein (trotz aller schönen Fotografien) als mit Sehnsuchtsworten eines Pfarrherrn - und großen Dichters, Eduard Mörike? Der aus seiner kleinen Welt zwischen Alt-Württemberg und Hohenlohe nie herausgekommen ist, träumt eine Paradies-Landschaft, an die sich erinnert, wer sie auch nur einmal gehört, gelesen hat: "Du bist Orplid, mein Land! / Das ferne leuchtet; / Vom Meere dampfet dein besonnter Strand / Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet." (Hrsg. von Elsemarie von Maletzke; Schöffling & Co, Frankfurt am Main; 60 S/W- und Farb-Fotografien, 44,- DM)