Vor kurzem hatte ich eine Lesung in Wolffs Bücherei, jener wunderbaren Buchhandlung in Berlin-Friedenau, in der Günter Grass früher oft aufgetaucht ist, vor vielen Jahren, als er gerade erst begonnen hatte, an den Nobelpreis zu denken. In einigen Winkeln der Buchhandlung hängen noch Fotos des sehr jungen Grass, man erkennt den dominanten Jetzt-bin-ich-da-Zug im Gesellengesicht des späteren Meisters, und plötzlich ist er einem wieder ganz nah, als neugieriger, unruhiger Leser, der sich in seiner Lieblingsbuchhandlung mit neuen Büchern versorgt.

Nach den Lesungen sitzt man in Wolffs Bücherei um einen alten, runden Tisch, Rotweinflaschen werden geöffnet, es darf geraucht werden, die Unterhaltung ist gut, und bald macht sich eine gewisse Literatureuphorie breit, sodass einige Ergriffene plötzlich über ihre Schultern, nach hinten, in die deckenhohen Regale greifen, aus denen sie ein oder zwei Bücher herausziehen, als wäre deren Anziehungskraft mit der Zeit nicht mehr zu ertragen. Man schaut heimlich, unter dem Tisch, in die frische Ware, oder nimmt das neue Buch auf die Knie, manche lesen sogar gleich daraus vor, die Anwesenheit eines Schriftstellers stört niemanden, es scheint eine Art gesunder Ausgleich zu sein, wenn er einmal andere Texte zu hören bekommt und nicht immer nur seine eigenen.

Als ich da war, legte eine Leserin Cees Nootebooms Hotel auf ihre Knie, mit den ersten Sätzen hatte sie sich in dem Buch festgelesen, es war nichts mehr zu machen, sie trieb mit den gelesenen Zeilen davon, und ich versuchte, sie wieder zurück, in unseren Kreis, zu holen, indem ich die Sache ganz direkt anging und auf "Kees Nooteboom" zu sprechen kam. "Zees", nicht "Kees" - empörte sich da sofort ein ganzer Chor, man spreche Nootebooms Vornamen mit weichem "Z" aus, mit sehr weichem "Z", das harte "K" passe auch gar nicht zu ihm, denn Zees Nooteboom ..., nun ja, man müsse ihn halt einfach mal gehört oder gesehen haben, Zees Nooteboom sei ein ganz seltener, einzigartiger Mensch.

Ruhe, plötzliche Stille. Ich hatte, ohne es zu ahnen, die Zone der Geheimnisse berührt und fragte nicht weiter. Am nächsten Morgen besorgte ich mir Zees Nootebooms Hotel, alles deutete darauf hin, dass ich es diesem Buch schwer machen würde. Und ich begann zu lesen, mit gesenktem Kopf, hoch konzentriert, wie einer, der sich einem Duell stellt. Und dann kam alles ganz anders, mit den ersten Sätzen, wie eine Betäubung, als narkotisierte Zees schon vor der ersten Kampfhandlung all meine Sinne ...

Er ist ein Meister, ja doch, er ist es. Schon nach dem sich bescheiden gebenden Vorwort ist mir das klar. Eine lästige Pflichtaufgabe muss es gewesen sein, dieses Vorwort, aber die mittellangen Reiseerzählungen und die anderen halblangen bis kurzen Texte über Bilder und Bücher, die in Hotel versammelt sind, verlangten Zees dieses Vorwort nun einmal ab, als wären sie eine wartende, alte Bande von Einzelgängern, die noch einmal erklärt bekommen müssen, wo es nun langgeht.

Es soll in diesem Vorwort also ums Reisen gehen, in der Art eines Amuse-Gueule. Zees macht das so, dass er die Stimme senkt, sie sonor abtönt und mit einem Zitat beginnt: "Der Ursprung des Daseins ist die Bewegung ..." Das sind Worte eines arabischen Philosophen, und sie stehen in einem mindestens achthundert Jahre alten Traktat über das Reisen, dem Kitâb Al-Isfâr, der nicht nur vom Reisen handelt, sondern mehr noch vom mystischen Sinn des Reisens. Zees hat diesen raren Traktat natürlich nicht in der arabischen Originalsprache gelesen, nein, er hat ihn in Paris entdeckt, in einem Pariser Buchladen, in einer französischen Übersetzung, da hieß "Reisen" immer noch klangvoll "voyage", das heißt, erklärt Zees, im Arabischen "safar", Plural "asfâr". Und das mystische Reisen ist dann "siyâha", schlicht deutsch "Pilgerfahrt", oder - in französischer Eleganz: "Parcourir la terre pour pratiquer la méditation et se rapprocher de Dieu".

So raffiniert geht es zu in diesem Buch. Zees lässt einen steinalten arabischen Philosophen ein Motto vorgeben, dann nähert er sich der Sache weltläufig übers näher gelegene Französische, springt zwischen dem Arabischen und dem Französischen, ein Singular hier, ein Plural dort, treibt ein Spiel mit dem Wissen, und dann geht's hinein, ins Herz der Dinge, in die Mystik, arabisch-französisch, und wir sind im Nooteboomschen Element: Reisen ist "méditation", sich den Rätseln der Welt nähern.