Es ist keineswegs so, wie zuweilen behauptet wird, dass Kenzaburô Ôe doch immer wieder nur dasselbe schreibt. Aber bestimmte Motive, Konstellationen, ja Figuren sogar, tauchen, erkennbar, immer wieder in seinem Erzählwerk auf, so Hikari, der behinderte Sohn, so der Schriftsteller K. Ôe, der einst den bitterbösen Stunden nach der Geburt dieses Kindes das bei weitem wichtigste seiner frühen Werke hat abringen dürfen (Eine persönliche Erfahrung), so bestimmte Themen und die Heimat des Schriftstellers Ôe, das Tal wie die dichten Wälder auf der Insel Shikoku mit den Sagen und Legenden, der mystischen Wiederkehr bestimmter Zusammenhänge und Ereignisse, die einem vorgegebenen Muster zu entsprechen scheinen. Mythos ist nun einmal Wiederholung.

Die Wiederkehr der Personen, die mancher Leser schon kennt, scheint in Japan weniger zu stören als in Europa. Das japanische Publikum nimmt an der realen Existenz eines anerkannten, beliebten Schriftstellers einen viel größeren Anteil, als dies bei uns geschieht; der Autor ist ihm auf eine andere Weise nahe und vertraut. So darf er auch Dinge ausplaudern, die wir als belanglos verwerfen würden. Sein Auftreten ist gänzlich unprätentiös, und so gewinnt er immer wieder die Sympathie seiner Zuhörer.

Kaum mehr als nur interessant wird, leider, für den unvorbereiteten deutschen Leser wohl sein, was nun als der erste Teil einer Trilogie vorliegt. Interessant für denjenigen, der Ôe schon kennt, ist hingegen zu beobachten, wie er sich reflektierend in den Text zu stehlen versucht. Hier erscheint er als der Onkel K. im Hintergrund; anderes hat er der vorgeschobenen Erzählerin, einer Verwandten, in den Mund gelegt. Nur so wird frühzeitig Zweifel an dem sonderbaren Unternehmen erkennbar, von dem erzählt wird. Man könnte sonst gar meinen, es gehe hier um Blut und Boden à la manière nippone. So einfach freilich ist das nicht.

Es ist Japan in der Tat ein Land, in dem bei aller Technisierung und pragmatischen Modernisierung viel Archaisches noch immer fortlebt, Omina und Aberglauben keineswegs völlig verschwunden sind. Die Dämonen scheinen zuweilen noch wirken zu wollen, und die Toten sind nicht einfach nur tot. Religion ist hier nicht zuletzt Naturreligion. Noch immer werden die Mythen erzählt, die Felsen geheiligt, die Bäume verehrt. Noch immer wird den Genien oder den Göttern geopfert.

Was Kenzaburô Ôe erzählt, hat mit dieser widersprüchlichen Verflechtung von Mythos und Moderne zu tun. Das gewagte Spiel, das hier mit alter, fast abgestorbener Überlieferung getrieben wird, droht auf die Urheber und Protagonisten gefährlich zurückzuwirken. Wenn die totale Entzauberung das Ziel nicht sein kann, so auch nicht der nur scheinbar das alte Erbe rettende Betrug. Muss eine Überlieferung, die landschaftlich verankert war und nun nicht mehr verständlich, gar verbindlich wirken kann, versickern wie ein dürres Rinnsal im ausgetrockneten Flussbett?

Die beinahe hundertjährige Frau im alten Hof, die dem Tode entgegensiecht, hat vor Jahren schon einmal einen jüngeren Menschen "eingeweiht" und darauf vorbereitet, einmal ihre erzählend-bewahrende und heilende Rolle zu übernehmen. Er kam jedoch unter ungeklärten Umständen zu Tode, und nun ist ein neuer Bruder Gi so weit, die Aufgabe zu erfüllen. Dazu gehört die Kenntnis der Lokalitäten, der Sagen und Legenden, die Kenntnis der Gewächse, der Bäume wie der Kräuter, die der Heilkunde nicht allein, sondern auch mancher magischer, geistheilerischer Praktiken, mittlerweile schon in enger Verknüpfung mit der Vermarktung, die im Kampf gegen das anwachsende Konsumdenken zu neuen Wirtschafts- und Lebensformen führen soll.

Dergleichen ist heute in Deutschland als so genannte Esoterik weit verbreitet, modisch und meistens dubios. Aber auch auf Shikoku kann man dergleichen nicht mehr als selbstverständlich hinnehmen, wie die weise alte Frau wohl noch meinte. Wer nicht in aller Naivität davon ergriffen wird, kann leicht zum Gaukler oder eben zum Angeführten werden; die Geste ist der Inhalt.