Ein hartes, kompromissloses Stück Literatur", so nennt Ruth Klüger diesen späten, 1928 erschienenen Roman von Schnitzler, seinen zweiten und letzten, für dessen Wiederentdeckung sie klug und nüchtern in ihrem Nachwort wirbt. Doch ein Schock wird der Text bleiben, vor allem für jene, die ihren Schnitzler zu kennen meinen. Nichts findet sich hier wieder von der Wiener Kunst der Weichzeichnerei, vom melancholischen Zauber und Witz trotz und in aller Bitterkeit, angesichts der Lügen und Verblendungen des Triebwesens Mensch, speziell in seiner österreichisch-wienerischen Jahrhundertwende-Erscheinung.

Scheinbar unberührt, müde und streng zugleich, hält Schnitzler die angekündigte Gattung "Chronik" durch und buchstabiert in 106 kurzen Erzählabschnitten ein "Frauenleben" durch, das unaufhaltsam abwärts führt. Ohne Kommentar, sodass der Leser selbst sich zu der Frage provoziert sieht, ob da irgendetwas aufzuhalten, zu ändern gewesen wäre - aber durch was oder wen?

Gut stehen die Auspizien von Anfang an nicht für diese Therese Fabiani, Tochter einer kroatischen Baronesse und eines vorzeitig entlassenen k. u. k. Oberstleutnants, der gekränkt und schließlich verrückt sein Leben in einer Irrenanstalt beendet. Ihr Bruder wird als kalter Karrierist in den Wiener Sog rassistisch-nationalistischer Zirkel geraten, die Mutter, nachdem sie vergeblich die Tochter als Mätresse an einen alten Grafen zu verkuppeln versucht hat, verliert sich ins Schreiben von Kolportageromanen. Nur Therese versucht als Einzige in der Familie nüchtern zu bleiben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, unabhängig auch von Männern. Geht das, ohne Ausbildung, ohne einen dadurch abgesicherten Beruf?

Zwei elementare Motivationen halten dieses einsame Frauenleben in Gang: einmal die ökonomische Not, sich selbst und bald auch ein ungewolltes Kind in immer neuen Stellen als Erzieherin durchzubringen, aber zugleich auch der immer wieder aufflackernde und immer wieder frustriert erlöschende Wille, sich als sexuelles Wesen zu bestätigen, ohne sich je fest zu binden, an Männer oder in eine Zufallsehe zu verlieren. Selbstständig und auf eine bescheidene, doch fundamentale Weise selbstbewusst möchte diese junge Frau bleiben.

Doch genau dieser Anspruch, wie Schnitzler zeigt, kühl und wieder kommentarlos, lässt um Therese Fabiani eine Aura von Fremdheit, Verschlossenheit entstehen. Sie gleitet durch diese späte k. u. k. Welt in den Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg, und auch die Welt gleitet an ihr vorbei. Es kommt zu Kontakten, Berührungen, doch kaum zu irgendeiner Durchdringung von Außenwelt und Innenwelt, weder zu heftigem Glück noch zu tiefgreifendem Unglück.

Vom keusch idealistischen Jugendfreund Alfred Nüllheim bis zu dem jüdischen Witwer Wohlschein zieht sich die Strecke von Thereses Affären und Liebhabereien, zehn insgesamt (falls wir richtig gezählt haben), und schon die Namen des initialen wie des finalen Mannes sprechen für sich. Alfred, so keusch wie kühl, könnte für ein normal anspruchsloses Mädchen gleich der Erste und Letzte sein, die solide Partie, ein "Heim" fürs Leben.

Aus Stolz wie aus Sinnlichkeit verweigert sich Therese dieser kommoden Lösung. Aber keines ihrer Verhältnisse, ob es nun Liebe scheint oder nur ein Naschvergnügen ist, hält sie lange durch, und daran sind beileibe nicht nur die schnell zugreifenden und ebenso schnell fallenlassenden Männer schuld, sondern auch Thereses labile Seele. Falls man dieses Bündel aus rasch wechselnden Empfindungen noch mit einem so altertümlichen Namen benennen darf, der doch Einheit, Identität und Kontinuität verspricht.