Ein schön-trauriges Buch. Schön, weil es vorweist eine hoch begabte junge Schriftstellerin, fähig, mit kargen Sätzen Bilder und Atmosphäre zu schaffen; traurig, weil es nachweist, wie sehr die späte Anne Seghers ihr Talent verschlampt hat.

Dieses Bändchen, eine Erzählung des Jahres 1925, nie zuvor publiziert und nun aus dem Nachlass ediert, hätte ein kleines Meisterwerk werden können - ein "Gesang vom Kindchen", eine Kollwitz-Grafik von den armen Leuten, die selbst an Tränen sparen müssen angesichts des sterbenden Sohnes. Gleichsam die poetische Replik auf den flapsigen Partysatz: "Es weint sich leichter, wenn man reich ist." Zu Recht erinnert Christiane Zehl Romero in ihrem behutsamen Nachwort daran, dass schon die junge Kunststudentin Netty Reiling sich in ihrer Rembrandt-Dissertation der "eindruckslosen und verschlossenen Umwelt der Armen und Schwachen" annahm. Dieser kalte, aber nicht mitleidlose Blick prägte die frühe Prosa - Grubetsch, Aufstand der Fischer von St. Barbara -der Kleistpreisträgerin des Jahres 1928; man nahm die ersten Publikationen, pseudonym ohne Vorname erschienen, für die eines Mannes. Doch es war der Stil hart, nicht das Herz.

Von dieser Meisterschaft zeugen die knapp 60 Seiten Jans muß sterben, auch von einer hoch sonderbaren Dialektik: Die Seghers vermochte, Lust am Auskosten des Elends zu vermitteln - uns, wie ihren Figuren. So zeichnet sie die Leere des Vaters, der seinen Sohn verlor: "Wenn er aber die heiße staubige Landstraße nach der Vorstadt zurücklief, den Kopf gesenkt und die schwere Sonne im Nacken, dann erhob sich inmitten seines ausgepreßten grauen alten Herzens, rot und glühend, eine brennende Freude, ein heftiger Stolz, ein wilder Triumph, seine alte Verzweiflung wiedergefunden zu haben."

Warum dieses Buch dennoch kein Meisterwerk ist? Weil diese Publikation die ewige, möglicherweise nie ganz gerecht zu beantwortende Frage aufwirft: Soll/darf/muss man evident Unfertiges eines Autors nach dessen Tod der Öffentlichkeit vorlegen? Ganz gewiss hat Anna Seghers diesen Text nicht in irgendeiner Hast "vergessen". Vielmehr wird sie gewusst haben: Das sitzt noch nicht, daran muss noch gearbeitet werden - und dann hat sie halt anderes gearbeitet. So ist der Text durchzogen von laschen Bildern, Wiederholungen, Undifferenziertheiten - allein die Augenmetaphern sind so zahlreich, dass sie die wenigen Seiten literarisch durchsieben; die kleinen Fünkchen, die sprühen oder absprühen, die blanken, braunen, blauen, runden, glänzenden, offen-blinden Augen, oft im Abstand weniger Seiten, mal "klebten" sie, mal sind die langen Wimpern verklebt: mehr Skizzenblock als Buch. Wohl wissend, dass es von Leonardo bis Picasso Skizzen zuhauf gibt, durchaus solche, die entzücken, bleibt bei mir doch eine Nachdenklichkeit, ob man für einen Schriftsteller mit solchen Veröffentlichungen etwas tut; oder ob man ihm etwas antut.

Anna Seghers:Jans muß sterben Erzählung; Aufbau-Verlag, Berlin 2000; 89 S., 29,90 DM.
Auch als Hörbuch: Sprecherin Hannelore Hoger; Der AudioVerlag, Berlin 2000; CD, 32,95 DM