Über keinen Englisch sprechenden Schriftsteller nächst Shakespeare ist so viel geschrieben worden wie über Oscar Wilde. Dieses Jahr wurden allein in Deutschland wieder sechs Bücher veröffentlicht. Da durfte Norbert Kohl nicht fehlen, der Freiburger Anglist und Wilde-Spezialist. Was konnte er noch Neues sagen? Schließlich verdanken wir ihm schon eine zehnbändige Wilde-Ausgabe (1982) und eine Biografie (1980), die sich freilich weise beschränkt auf Das literarische Werk zwischen Provokation und Anpassung. Die zweite Biografie heißt nun, scheinbar schlichter, Oscar Wilde - Leben und Werk. Jedoch der Versuch, literarische Interpretationen und Lebensbeschreibungen zu mischen, will nicht ganz gelingen. Schon mit der Sprache geht es nicht gut, wenn einer versucht, kritischen akademischen Stil mit einer Art von vie romançée zu verbinden. Bei dem zweiten großen Biografieversuch dieses Jahres läuft das gerade von der andern Seite her schief. Die Amerikanerin Barbara Belford ist geübt im Schreiben von Biografien. Der Zugang zum Literarischen ist ihr nicht so vertraut. Bisher hat sie uns aus dem Leben von Bram Stoker erzählt (Autor eines Werkes über Dracula) und von Violet Hunt, der wilden Frau im antiviktorianischen England, Geliebte von H. G. Wells und Ford Madox Ford. Ihr Oscar Wilde, ein paradoxes Genie ist eher unterhaltend als belehrend. Immerhin erfahren wir: "Die Frauen aus Wildes Leben erinnerten sich seiner im Alter mit Liebe" - leider ohne Belege.

Immer von neuem reizt der Versuch, die nicht endenden Widersprüche in Wildes Leben zu verbinden zu einem Charakter, der so gelebt haben könnte. Einer Lösung am nächsten kommen die Iren, die die Weltliteratur des ausgehenden 19. Jahrhunderts bereichert haben: George Bernard Shaw (1856 bis 1950), William Butler Yeats (1865 bis 1939), James Joyce (1882 bis 1941). Aber auch sie widersprechen einander wie die Literaturkritiker und die Anglisten aus vielen Ländern der Erde.

Bei Shaw lesen wir: "Wilde war ein Bürger der ganzen zivilisierten Welt, ein im Kern sehr irischer Ire und deshalb überall ein Fremder außer in Irland." Freilich, nachdem er vom Trinity College in Dublin 1874 an das Magdalen College Oxford übergewechselt war, kehrte Wilde nur noch zu kurzen Besuchen nach Irland zurück. Irischer Patriotismus interessierte ihn wenig. Was ihn am deutlichsten als Iren auswies, legte er als Erstes ab: seinen Akzent und seinen irischen Vornamen Oascar Fingal O'Flahertie Wills. Am wenigsten fremd fühlte er sich in Frankreich und Italien.

Wilde wiederum wusste: "Bernard Shaw hat keine Feinde, aber seine Freunde können ihn nicht ausstehen." Im Übrigen waren die langen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ältesten in der irischen Quadriga fair und endeten remis.

Yeats berichtet von einem Besuch bei den Wildes in Chelsea: "Ich erinnere mich, wie ich dachte, dass die vollkommene Harmonie seines Lebens mit seiner schönen Frau und seinen zwei kleinen Kindern eine bewusste künstlerische Komposition darstellte."

Wir, die wir inzwischen wissen, dass die "künstlerische Komposition" ihre Webfehler hatte, sollten auch hier mit unserem "Falsch!" vorsichtig sein. Gewiss, viele Jahre waren seitdem vergangen, als Vyvyan Holland, der jüngere der Wilde-Söhne, seine Jugenderinnerungen schrieb: "In jener Zeit benahmen sich die meisten Eltern ihren Kindern gegenüber viel zu feierlich und wichtigtuerisch ... Da war mein Vater ganz anders. In seinem eigenen Wesen war so viel Kindhaftes, dass es ihm einfach eine Wonne war, unsere Spiele mit uns zu spielen. Auf allen vieren kroch er über den Kinderzimmerboden ... und kümmerte sich gar nicht um seine Erscheinung, auf die er sonst so viel Wert legte. Spielte er mit uns, so war er stets ganz bei der Sache."

Wir nähern uns schwereren, und das nicht nur im Sinne von komplizierteren Zeiten. Nehmen wir an, Vyvyan erinnert sich an seine Zeit als 5-Jähriger. Dann ist der Vater in dieser Familienidylle jetzt 32 Jahre alt. Er hat die besten Universitäten des Landes mit Auszeichnungen hinter sich gebracht. Bildschöne Frauen in Dublin wie in Oxford waren seine Freundinnen gewesen. Im Frühjahr 1881 lernt er die 23-jährige Constance Mary Lloyd kennen, die Tochter einer wohlhabenden, halbirischen Juristenfamilie. Dass er Constance heiraten will, ist schnell beschlossene Sache. Der Termin verschiebt sich durch festgelegte Vortragsreisen zwischen New York und Paris auf den 29. Mai 1884. "Glaub mir", schrieb sie ihm, "dass ich Dich leidenschaftlich liebe mit der ganzen Kraft meines Herzens und meines Geistes. Wenn Du erst einmal mein Mann bist, werde ich Dich halten mit dem Band der Liebe und der Hingabe, so dass Du mich niemals verlassen wirst oder eine andere lieben ..."