Mein erster Online-Flirtpartner war ein Architekt aus Schwaben mit dem viel versprechenden Namen Lonely hero*. Ich versuchte gerade, mich im ersten Chatroom meines Lebens zurechtzufinden, da erhielt ich seine "Private Message". Arglos ging ich darauf ein; schon bald ließ er eindeutige Absichten erkennen. Und versicherte mir, dass es in diesem Chat viele Paare gebe, die sich regelrecht virtuell liebten und dann irgendwann auch real träfen. Darauf ich: "Ist das nicht ein ziemliches Risiko? Was ist, wenn der virtuelle Super-Lover sich als kleiner, übergewichtiger Herr fortgeschrittenen Alters entpuppt?" Es folgte eine lange Pause; dann die lakonische Feststellung: Er wisse jetzt zumindest, dass er nicht meine Zielgruppe sei. Er sei Mitte 50, 1,72 Meter groß und 86 Kilo schwer. Aber er würde trotzdem gern noch ein wenig mit mir plaudern ...

Die Deutschen haben das Chatten entdeckt. Das Internet wird zur großen Kontaktbörse, und natürlich geht es dabei auch immer wieder um das eine. Wie weit es allerdings schon mit dem Cybersex gediehen ist, darüber gibt es keine exakten Zahlen. Denn dazu ziehen sich die Beteiligten meist in die Privaträume zurück, die in fast allen Chats angeboten werden. Oder sie nutzen die Möglichkeit zu "flüstern", das heißt: Sie versenden im Stimmengewirr des Chatrooms Privatmitteilungen, die nur der jeweilige Adressat sieht. Und das gilt nicht nur für die ausdrücklichen Flirt-Chats - es knistert oft auch dort, wo der Titel eigentlich eine sachliche Diskussion über politische oder kulturelle Themen suggeriert.

Paradoxer geht es kaum: Es gibt schon Chats für Online-Süchtige

Der Bedarf an virtuellen Beziehungen scheint groß zu sein. In fast jedem Chat gibt es den einen oder die andere, die immer anzutreffen sind, egal zu welcher Tageszeit sich der Gelegenheits-Chatter dazuschaltet. Oft ist es eine ganze Gruppe von regulars (regelmäßigen Besuchern), die sich aufführen wie die Hausherren persönlich. Die andere Seite der Medaille wollen sie meist nicht wahrhaben: dass sie wahrscheinlich zu den von einer aktuellen Studie für den deutschsprachigen Raum geschätzten zwölf Prozent unter den virtuellen Plaudertaschen gehören, die süchtig sind. Die zunächst chatten, weil sie einsam sind, und dann immer einsamer werden, weil sie nur noch chatten. Aber die Frage danach ist tabu: "So was wollen wir hier nicht haben." "Ein Spion." "Schmeißt sie raus." "Hau ab!" Das waren die Reaktionen, als ich im Chat das Thema Internet-Sucht ansprach und wissen wollte, ob sich jemand betroffen fühle. Inzwischen gibt es sogar Chats für Online-Süchtige - paradoxer geht es wohl kaum noch.

Das Suchtpotenzial des Internet im Allgemeinen ist hoch; das des Chattens vermutlich noch höher. Der Online-Dialog täuscht Beziehungen zu wirklichen Menschen vor. Aber sind diese Beziehungen real? Oder projiziert der Chatter auf die Personen, die ihm nur in Form von Buchstaben gegenübertreten, seine Erwartungen und Sehnsüchte? Online kann jeder das sein, was er im wirklichen Leben nie erreichen wird. Er muss dazu kein sauberes Hemd anziehen, sich nicht die Haare kämmen und auch nicht das Haus verlassen. Im Chat ist jeder interessant und schön, baut sich aus dem Nichts eine neue, virtuelle Identität auf, unbelastet von persönlicher Geschichte und von äußeren Attributen. Und wenn er sich auf irgendeine Weise unmöglich gemacht hat, wechselt er einfach den Chat. Oder er legt sich einen neuen "Nickname",ein neues Pseudonym, zu und kann dann ein neues virtuelles Leben beginnen; zum Beispiel der Dame seines Herzens ein zweites Mal den Hof machen (und dabei die beim ersten Mal gemachten Erfahrungen nutzen). Aber Vorsicht: Hinter dem weiblichen Pseudonym muss sich nicht unbedingt ein weibliches Wesen verbergen. Denn auch das Gegenüber kann eine konstruierte Person sein.

Andererseits kursieren in den Foren der Web-Communities genügend Geschichten von glücklichen Paaren, die sich im Chat kennen gelernt und später geheiratet haben. Oft mit dem lakonischen Zusatz: "Im Chat habe ich die beiden allerdings seither nicht mehr getroffen." Und schließlich: Wenn man sich im 19. Jahrhundert beim Tanztee und im 20. Jahrhundert in der Disco kennen gelernt hat - warum sollte die angemessene Form im 21. Jahrhundert nicht die Kontaktanbahnung per elektronischem Medium sein?

Weniger publik, aber vermutlich nicht seltener sind die Fälle, in denen eine außereheliche Beziehung im Chat ihren Anfang nahm, zunächst als heißer E-Mail-Dialog fortgesetzt, später oft auch als reale Romanze. Vor einiger Zeit diskutierte das amerikanische Frauenmagazin McCall's in einer Titelgeschichte, ab wann eine virtuelle Beziehung Betrug am Ehepartner sei.