Das Ratespiel Wer wird Millionär? imitiert die Gesellschaft der Gesellschaft. Es macht die unendliche Komplexität sozialer Systeme auch für das Normalindividuum fassbar. Es erzeugt die Illusion, es gebe in sozialen Systemen Alternativen und Wahlmöglichkeiten: Wer keine Wahl mehr hat, darf raten. Typisch für diese operative Fiktion ist die Frage des Moderators, ob ein "Autopilot" oder ein "Autist" Flugzeuge steuert. Die Frage suggeriert dem Teilnehmer eine Alternative, die es als Individuum nicht mehr besitzt. Faktisch funktioniert in der Wirklichkeit sozialer Systeme das Individuum nämlich längst als autistischer Autopilot, der seinen künstlichen Horizont mit der Illusion beleuchtet, er könne frei wählen. In Wirklichkeit bleibt dem Individuum nichts anderes als die freie Entscheidung, sich für die Anpassung seines psychischen Systems (vulgo: "Seele") an das soziale System zu entscheiden.

Diese Alternativlosigkeit unterscheidet moderne Systeme von den stationären Gesellschaften der alten Welt. Was damals "Bildung" hieß, ist heute Information. Die alte Bildung war in Handlungsvollzüge eingelassen und machte Glauben, durch Unterscheidung von gut und böse könne das Leben im Ganzen interpretiert werden. Die moderne Information hingegen kennt nur die Unterscheidung von richtig und falsch. Damit löst sie abendländische Werte ab, die funktional obsolet sind.

Wie der Blick in überfüllte Gefängnisse beweist, ist das alteuropäische Subjekt auf die Ersetzung von Bildung durch Information nicht vorbereitet. Es produziert massenhaft Abweichung und Delinquenz, weil es seine psychische Realität nicht an die objektive Realität des veränderten sozialen Systems angepasst hat. Bei diesem Anpassungsprozess hilft das Ratespiel. Es reduziert ersichtlich die Komplexität der überinformierten Welt, indem es einen fiktiven Raum der Entscheidung eröffnet. Vier Antworten sind möglich, wobei alle gleichermaßen irrelevant sind. So ist das historische Wissen, wer als Bundespräsident Theodor Heuss nachfolgte, in der Internet-Gesellschaft funktional ebenso überflüssig wie die Information über den Spitznamen von Rudi Völler ("Tante Käthe") oder die Unterscheidung von "Kuddelmuddel" und "Techtelmechtel".

Auch die Frage, ob ein Föhn oder ein Quirl urheberrechtlich geschützt wird, ist eine Unterscheidung, die im funktionalen Gebrauch dieser Gegenstände irrelevant wird. Wer einmal versucht hat, die genannten Objekte wechselseitig als funktionales Äquivalent einzusetzen und einen Quirl als Haartrocknungskomponente benutzt, wird freiwillig von Urheberrechtsfragen Abschied nehmen. Entscheidend beim Ratespiel bleibt deshalb, dass die Irrelevanz der Fragen selbst zur relevanten und mithin sinnstiftenden Unterscheidung wird. Die dabei entstehenden Sinnartefakte ("Tante Käthe") erlauben es massenhaften Individuen, sich von der Masse zu unterscheiden: Der Verlierer unterscheidet sich vom Gewinner, beide zusammen vom Zuschauer und dieser wiederum von jenen, die das Quiz nicht beobachten. Je mehr sinnlose Unterscheidungen ein Individuum beim Ratespiel trifft, desto individueller erscheint es sich. Das Absolute wiederum, in dem alle Unterscheidungen zusammenfließen, ist das sich selbst präsente Geld und die Vollkommenheit der Zahl ("eine Million"). Dieses spirituellen Moments teilhaftig zu werden, strukturiert die lange Weile einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft und macht Ratespiele auch als sinnlose sinnvoll.