Die neuen Quizshows sind ein weiteres Indiz für die fortschreitende Intimisierung des öffentlichen Raums. Das Fernsehen forciert diese Entwicklung, indem es sich auf die Wiedergabe scheinbar authentischer Lebenswirklichkeit spezialisiert und das Gewöhnlich-Alltägliche als sensationelles Ereignis inszeniert. So folgen die Quizsendungen einem Prinzip, das schon den täglichen Talkshows, aber auch Reality-Soaps wie Big Brother Erfolg bescherte: Indem normale Leute zu Helden eines trivialen Dramas avancieren, etabliert sich die breite Masse des Fernsehpublikums selbst als Subjekt und Objekt der Sendungen. In früheren Fernsehepochen wurden Quizkandidaten noch als etwas Besonderes dargestellt: Leute zwar wie du und ich, die aber ein Minimum an Allgemeinwissen vorweisen konnten. Das Abfragen durch den Quizmaster glich einer Prüfungssituation. Heute treten die Moderatoren nicht mehr als autoritäre Repräsentanten eines Wissenskanons auf, sondern wie Gleiche unter Gleichen.

Plastischer könnte die Veränderung hin zum neuen, flexiblen Menschen der New Economy nicht ins Bild gesetzt werden. Der traditionelle Arbeitnehmer des alten Kapitalismus konnte sich ausrechnen, durch beharrlichen Fleiß auf seinem angestammten Platz seine Stellung zu verbessern. Jetzt sieht er sich als Einzelkämpfer in ein unübersehbares Meer von Information geworfen; von einer einzigen schnellen Antwort auf eine zufällig auftauchende Frage hängt es ab, ob er sagenhafte Reichtümer erwirbt - oder auf der Strecke bleibt. Die gewaltigen Summen, die er eben noch auf dem Konto hatte, könnnen sich im nächsten Moment in ein Trinkgeld verwandeln. Und dabei gilt es, immer entspannt und gut gelaunt zu bleiben und nicht mit dem Schicksal zu hadern, simuliert die streng formalisierte Spielanordnung doch ideale Chancengleichheit für alle.

Wie aber erträgt der flexibilisierte Kandidat dieses Inferno der Ungewissheit, ohne wahnsinig zu werden? Indem er sich der Geborgenheit in einer virtuellen Gemeinschaft versichert. Seit Tradition und Nachbarschaft vom digitalen Turbokapitalismus pulverisiert wurden, muss der Mensch sein anthropologisches Bedürfnis nach Stetigkeit jetzt auf der Metaebene medial erzeugter kommunitärer Menschlichkeit befriedigen. Um Volksbildung geht es in den Quizshows also überhaupt nicht, sondern um die Einübung in eine Welt künstlich erzeugter Wärme und Solidarität. Bei Günter Jauch kann man, wenn man bei einer Frage nicht mehr weiterweiß, einen Bekannten anrufen oder das Publikum um Rat fragen. Kandidat, Studio- und Fernsehpublikum werden so zu einer einzigen medialen Familie verschmolzen. Der Inhalt der Fragen ist dabei ohne Belang. Was vielmehr abgefragt wird, sind jene unzusammenhängenden Informationspartikel, die man halt so mitkriegt, wenn man viel fernsieht. Die Fragen durchstreifen unsystematisch den Wissensfundus, der dem ideellen Gesamtkörper der großen Fernsehgemeinde verfügbar ist. Als deren momentane Inkarnation tritt der Kandidat auf, um mit einem Teilausschnitt der virtuellen Wissensfülle konfrontiert zu werden. Seine Individuation dauert freilich nur eine Sendesequenz lang, dann kehrt er wieder in die anonyme, intime Gemeinschaft der Fernsehkonsumenten zurück, in der jeder jeden zu kennen glaubt, weil alle an derselben Quelle medial vermittelter Welterfahrung teilhaben.