Am Ende aller Verkleidungen, am Fuße aller Showtreppen steht der nackte Mensch. Zu ihm ist die TV-Unterhaltung zurückgekehrt. Big Brother zeigt den Menschen, der sich verhüllt, Wer wird Millionär? zeigt den Menschen, der sich offenbart. Big Brother untersucht das taktierende Gruppenwesen, Wer wird Millionär? den Solisten am Scheideweg. Big Brother präsentiert das Dasein als Mannschaftssport, Wer wird Millionär? feiert es als Abfolge einsamer Entscheidungen. Beide Formate tarnen sich als Spiele, sind aber Trainingseinheiten für ermüdete Jäger und Räuber. Denn ist ein Wesen zum Spiel in der Lage, in dessen Innerem ein Salzsäurebad nach Brennstoff verlangt? Kann es absehen vom Ziel, Beute zu reißen? Nein! Der fernsehende Mensch unterhält sich mit verfeinerten Überlebenskämpfen, ausgerichtet von Veranstaltern, die selbst in Kämpfe miteinander verstrickt sind.

Big Brother lehrt die Taktik, den Mitmenschen auszuschalten und allein zur Beute zu gelangen. Es gilt, zuerst Mittelpunkt der Gruppe und zuletzt einziger Überlebender zu sein. Der Rudelführer entledigt sich seines Rudels durch taktische Verwandlung, üble Nachrede und subtile Drohung, um allein die Belohnungsration zu verzehren. Auch die Quizshow handelt vom Beutemachen, doch gibt es in ihr einen gütigen Räuber, der von seiner Beute abgeben will. Die Macht teilt er nicht; dass er sie besitzt, erkennt man daran, dass er die Fragen stellt. Das sei, sagt Elias Canetti, schon bei unseren tierischen Vorfahren so gewesen. Die erste Frage sei die des Raubtiers an die Beute gewesen: Kann man dich essen? Wie schmeckst du? Heute fragt der Räuber seine Beute: Spielst du mit? Was weißt du? Er bereitet sie nicht mehr aufs Gefressenwerden vor, er lädt sie vor der Meute zum Essen ein. Je mehr Futterneider er vor dem Bildschirm versammelt, desto schlimmer trifft er die konkurrierenden Räuber, die ähnliche pawlowsche Fresswettbewerbe abhalten.

Big Brother und Wer wird Millionär? - beide Formate können erst als ausgereift gelten, wenn die Kandidaten mit höchstem Einsatz spielen. Big Brother erreicht den Gipfel seiner Möglichkeiten, wenn im Container der erste Mord geschieht. Was die Quizshow verbirgt, enthüllte der Schriftsteller Dino Buzzati. Seine Erzählung heißt Aufgeben oder Verdoppeln: "So wie es verborgene Spielhöllen gibt, veranstaltete man in dieser einsamen Villa heimlich Quizspiele mit steigendem Gewinn ... Nicht einmal die phantastischen Ausmaße der Gewinne reichten aus, um die trostlose Verwirrung, die Bestürzung, ja, die Preisgabe aller äußeren Würde zu rechtfertigen, die die Verlierer zeigten, als ob sie ein entsetzliches Unglück getroffen hätte." Denn hinter dem Showmaster wartet der Henker.

Die letzte aller TV-Shows wird ein Quiz sein, aus dem kein Kandidat zurückkehrt, ein finales Wetten, dass ... Der Autor Johannes Auerbach entwarf dieses Format in den zwanziger Jahren: Ein Milliardär verspricht 50 Millionen den Erben desjenigen Kandidaten, der sich auf der Bühne am effektvollsten entleibt. Zwölf Suizidäre nehmen teil, 10 000 Bürger sehen zu. Der Sieger überzeugt die Jury, indem er sich mit einem Beil den linken Fuß, den rechten Fuß und den linken Arm abhackt, ehe er das Beil auf seinen Schädel niederfahren lässt. "Darauf erhält jeder Zuschauer einen Cognac und eine Schachtel Zigaretten, die Damen Schokolade."