Als der Limes des Kalten Krieges, der Eiserne Vorhang, eingerissen wurde, zeigte sich, dass er auch eine Sperre gegen die Ost-West-Wanderung gewesen war. Die Bewunderung für den Freiheitsdrang der Völker war nur von kurzer Dauer; in den westeuropäischen Stätten des Wohlstands wich sie rasch einer Horrorvision, wonach eine neue, nun von Osten nach Westen verlaufende Völkerwanderung drohe und mit dem "afrikanischen Marsch auf Europa" zusammenfließe. Als Gegenbild zum edlen und heroischen politischen Flüchtling war in Europa längst das Stereotyp des misstrauisch beäugten "Scheinasylanten" und "Asylbetrügers" entstanden, und die Politik greift nach wie vor ungeniert in dieses Schatzkästlein der Vorurteile, wenn es darum geht, die nächsten Wahlen zu bestehen.

Aktuelle Migrationsprozesse lassen sich besser verstehen, wenn man die historischen überblickt. Klaus Bade zeigt in seinem neuen, anschaulich geschriebenen Buch, dass Europa seit dem 18. Jahrhundert ständig unterwegs war, und er präsentiert ein beeindruckendes, epochen-, formen- und länderübergreifendes Panorama des Wanderungsgeschehens. Der Untersuchungsraum reicht von Skandinavien bis zum Mittelmeer, von den Britischen Inseln bis zum ostmitteleuropäischen Raum. Gefragt wird nach Anlässen und Motiven von Migration, nach Migrationsmustern, aber auch danach, wie sich die jeweils aufnehmende Gesellschaft zu den Neuankömmlingen verhielt - eine immense Stofffülle, die Bade souverän ordnet und interpretiert.

Bereits Alteuropa war eine bewegte Welt, auf deren Straßen sich Wandernde, Fahrende und vornehme Reisende alltäglich begegneten. Arbeitswanderung war in der hochmobilen frühen Neuzeit häufig mit Qualifikationsprozessen verbunden, blieb aber meist saisonal bedingt, wie an den Torfarbeitern und den Walfängern gezeigt wird. Warenhändler bereisten weit entfernte Regionen; Schwarzwälder Uhrenträger zum Beispiel bauten ein interkontinental ausgreifendes Vertriebsnetz aus, das von Dänemark bis Ägypten und Nordamerika reichte. Im 19. Jahrhundert bewirkte die Bevölkerungsexplosion in Europa einen Massenexodus in die "Neue Welt", hinzu kam eine eurokoloniale Migration im Zeitalter des Hochimperialismus, was zur Folge hatte, dass um die Jahrhundertwende in Mitteleuropa ein Arbeitskräftemangel herrschte. Seit 1890 wuchs in Deutschland die Ausländerbeschäftigung sprunghaft an, und das Kaiserreich stieg zum größten Arbeitseinfuhrland nach den USA auf.

Ohne die "Ruhrpolen" wäre das Ruhrgebiet nicht zum Herzen der deutschen Schwerindustrie geworden, schreibt Bade den Deutschen ins Stammbuch. Zugleich schuf sich der Nationalstaat durch fehlende Integration und Einbürgerung seine Minderheiten und produzierte damit die Ausgangskonstellation für Flucht und Zwangswanderungen, die dem 20. Jahrhundert ihren Stempel aufdrücken sollten. Der Unterschied zu früheren Zeiten sticht ins Auge: Die politischen Flüchtlinge aus der Epoche der europäischen Revolutionen wurden für das verfolgt, was sie getan hatten; der moderne Nationalstaat hingegen sollte den Typ des Flüchtlings schaffen, der für etwas verfolgt wurde, was er nach Einschätzung seiner Verfolger war. Dies stellte keine deutsche Besonderheit dar, sondern war eine gesamteuropäische Erscheinung. Doch in Deutschland verschärfte das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913, das bis 1999 gültig blieb, das Problem erheblich: Das Gesetz definierte das Staatsvolk als Abstammungsgemeinschaft und drückte völkisch-ideologische Leitvorstellungen der Wilhelminischen Zeit aus, denen es um die "Erhaltung des Deutschtums im Auslande" ging und in denen eine ethnonationalistische Bollwerksmentalität gegenüber der befürchteten "Flut aus dem Osten" durchschlug.

Bade arbeitet in scharfen Zügen heraus, dass die Jahrhundertwende in ganz Europa eine Übergangsphase war: Die liberale Epoche relativer Staatsfreiheit im europäischen Wandergeschehen des 19. Jahrhunderts wurde nach und nach abgelöst von einer protektionistischen staatlichen Migrations- und Arbeitsmarktpolitik, die in der Zwischenkriegszeit ihren Höhepunkt erreichte. Zudem kehrten sich durch den Ersten Weltkrieg bisherige eurokoloniale Migrationskreisläufe um, denn die Kolonialmächte mobilisierten zur Kriegsführung auf dem Kontinent mindestens eine Million Afrikaner. Der Waffenstillstand bedeutete nicht das Ende von Migration, im Gegenteil. Mit dem russischen Bürgerkrieg und den Staatenbildungsprozessen vor allem in Südosteuropa setzten neue massenhafte Zwangswanderungen ein. 1918/19 waren drei Kaiserreiche untergegangen und 14 neue Staaten in Europa entstanden, wobei Woodrow Wilsons Selbstbestimmungsrecht der Völker willkürlich gehandhabt wurde; einigen Völkern wurde es gewährt, anderen verweigert.

Deportationen, Zwangsarbeit und Massenmord prägten das Gesicht des Zweiten Weltkrieges. Etwa 50 bis 60 Millionen Menschen, also 10 Prozent der europäischen Bevölkerung, waren Opfer von Zwangswanderungen. Aber nicht nur dies bedeutete einen neuerlichen Strukturbruch in der Geschichte der Migration, vielmehr brachte die kriegerische Dekolonialisierung nach 1945 Millionen von Rück- und Zuwanderern, nicht zuletzt aus den Reihen der "Hilfsvölker" der Kolonialmächte: die Molukker in den Niederlanden und die algerischen "Harkis" in Frankreich etwa.

Auch daran wird deutlich, dass die alte europäische Kolonialherrschaft viele Krisen- und Konfliktpotenziale in der "Dritten Welt" erst implantiert hat. Schändlich sind vor diesem Hintergrund die politischen Inszenierungen einer "Festung Europa", deren Kehrseite die illegale Einwanderung und der organisierte Menschenschmuggel darstellen. Dabei werden die globalen Dramen, die Bade im letzten, engagiertesten Teil seines Buches beschreibt, von den Politikern schlichtweg abgeblendet. Die gewaltigsten Wanderungsbewegungen der Weltgeschichte, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auftraten, verliefen in außereuropäischen Bahnen und tangierten Europa nur zu etwa 5 Prozent. "Solange das Pendant der Abwehr von Flüchtlingen aus der ,Dritten Welt' fehlt", so lautet der Schlusssatz dieses auch für die aktuelle Diskussion wichtigen Buches, "bleibt diese Abwehr ein historischer Skandal, an dem künftige Generationen das Humanitätsverständnis Europas im 20. und frühen 21. Jahrhundert bemessen werden."