Der Dreißigjährige Krieg erzeugt bei seiner bloßen Erwähnung weiterhin Grauen. Seine Dauer wirkt erdrückend, und vor dem inneren Auge sieht man in Callots Manier von Deutschlands Bäumen Leichen statt Früchte hängen. Geradezu dreifach gespenstisch nimmt sich aber noch das Gemetzel, Sengen und Belagern aus, das unter dem Namen Hundertjähriger Krieg in die Geschichte eingegangen ist. Mehrere Generationen wurden in das fortwährende Blutbad hineingeboren.

Entfacht wurde dieser Krieg 1337 durch die widerstreitenden Ansprüche auf die Krone Frankreichs zwischen Philipp IV. aus dem Hause Valois und dem englischen König Edward III. Erst um 1450 endeten die Feldschlachten, Zwischen-Waffenstillstände und Beschießungen ohne formellen Friedensschluss. Englands Herrscher wurden de facto nicht Könige von Frankreich, wenngleich sie bis heute auch diesen Titel führen.

Der dritten Phase des Hundertjährigen Kriegs hat der Bonner Historiker Heinz Thomas eine umfassende Darstellung gewidmet. Nach 1415 sah es schlecht aus für die Herrschaftsansprüche der Valois. Bei Azincourt hatten die englischen Armbrustbolzen auch die Elite des französischen Adels ausgelöscht "... neun Grafen, neunzig Barone". Aus Misstrauen gegen den mächtigen Herzog von Burgund ließ der französische Dauphin diesen Vasallen bei dessen vielleicht fadenscheinigem Treueeid mit der Axt erschlagen. Burgund schloss sich daraufhin England an. Dem Valois blieben bald nur noch Festungen an der Loire und bedrängte Städte wie Orléans.

Es leuchtet sofort ein, dass Heinz Thomas seinem Buch über diesen Machtkampf den Titel Jeanne d'Arc gegeben hat. Wesen und Erscheinung des Mädchens aus Domremy zentrieren ab 1429 plötzlich das Geschehen und heben die Heerführer, Bischöfe und Räte der Parteien aus dem Dunkel der Geschichte heraus. Letztgültig bleibt dabei jedoch sogar nach über 600 Seiten Thomas' Bemerkung: "Doch selbst der beste Erzähler oder Briefschreiber konnte das Charisma von Jeannes Persönlichkeit allenfalls andeuten, festhalten ließ und läßt sich ein solch flüchtiger, für das Erlebnis dieses Phänomens aber ausschlaggebender Vorgang nicht."

Die Annäherung an die legendäre Gestalt wird gerade zu Anfang dem Leser nicht leicht gemacht. So minutiös listet der Autor Vorstöße, Winkelzüge der Kriegsgegner auf und verfolgt die dynastischen Verästelungen, dass man sich an den Stoßseufzer Friedrichs des Großen über deutsche Gelehrte erinnert fühlt: "In der Geschichtsschreibung vergessen sie dafür auch nicht die kleinste Kleinigkeit."

Später wird diese Akribie fruchtbar, wenn es darum geht, die oft widersprüchlichen Chroniken und Zeugenberichte gegeneinander abzuwägen, um zu erkunden, ob die heilige Jungfrau Sturmangriffe selbst anführte oder hinter Verschanzungen blieb oder ob sie kurz vor ihrer Hinrichtung ihren himmlischen "Stimmen", die sie geleitet hatten, abschwor. Hierbei geht es um die Glaubwürdigkeit der Gottesbotin, bei der in knapper Lebensfrist Triumphe und Niederlagen abwechselten. Der Autor forscht nach, ob Jeanne, auf numinoses Geheiß, die Leidensgeschichte Christi nachlebte oder welche Fügungen die zwanzigjährige Bauerntochter zur Ikone und Nationalheldin machten.

Um die Einzelkämpferin und Visionärin zu erfassen, wägt Heinz Thomas auch die psychologischen Befunde für Leben und Verhalten der Jeanne d'Arc ab, die ihre Kriegserklärungen und Sendschreiben mit "Jehanne la Pucelle" unterzeichnete. Im Nachhinein wurden ihr genialische Bewusstseinsstörungen, hochgradige Schizophrenie zugeschrieben oder die Anorexia nervosa, die Pubertätsmagersucht, die motorische Überaktivität, Neigung zu Askese und Fanatismus zur Folge hat. Was in ihr wirkte, bleibt offen. Der Dauphin von Frankreich empfing jedenfalls mit erstaunlicher Zuneigung das völlig mittellose Mädchen, das darauf beharrte, Orléans zu befreien und ihn zu Karl VII. krönen zu lassen. Nach Überprüfungen ihrer Jungfräulichkeit und Beratungen geistlicher Gremien zog die Geharnischte ins Feld. Ihr Sieg bei Orléans demoralisierte die Engländer nachhaltig. Die Gewalt der Stimmen, die Jeanne zu hören bekundete, kulminiert gewiss in der Aufforderung "à soy gouverner". Sie sollte sich selbst regieren. Mit diesem Gebot sprengte Jeanne jeden Rahmen der Unterordnung, und ihr Aufblitzen in der Geschichte konnte geschehen.