Zur grundsätzlichen Offenheit der Geschichte zählt, dass es immer auch ganz anders hätte kommen können. Dies gilt nicht zuletzt für den Verlauf des Zweiten Weltkrieges. Die Frage, was gewesen wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte, haben Historiker gerne als Denkfigur bemüht, um Aufschluss über die politischen Endziele des Diktators zu erlangen. Auch John Lukacs nimmt in Fünf Tage in London die kontrafaktische Frage einer britischen Kapitulation im Sommer 1940 zum Anlass für seine Detailaufnahme von fünf Tagen in London - die Zeit vom 24. bis zum 28. Mai 1940 -, um die nicht ganz neue These zu präsentieren, dass Hitler vermutlich nie vorher und nie nachher seinem Ziel einer Niederwerfung Großbritanniens und damit einer siegreichen Beendigung "seines" Krieges näher gekommen war.

Nie war die Lage der britischen Regierung prekärer

Für die britische Nation wurde im Nachhinein der Moment, als Großbritannien, mehr oder weniger auf sich gestellt, 1940/41 der nationalsozialistischen Herausforderung trotzte, zur finest hour stilisiert. Die Wirklichkeit jener Jahre unterscheidet sich indes vom verklärenden Rückblick. Winston Churchill, seit dem 10. Mai 1940 an der Spitze einer Allparteienregierung, saß anfangs alles andere als fest im Sattel. Der König mochte ihn nicht und hätte lieber Außenminister Halifax an der Spitze der Regierung gesehen. Churchill war Premier ohne Partei, deren Vorsitz weiterhin bei Chamberlain lag. Die Zweifel gerade der Konservativen an Churchills Führungsfähigkeiten waren keineswegs gewichen. Prominente innerparteiliche Gegner, die alte Garde der appeaser, waren in einflussreicher Stellung im Kabinett verblieben: Chamberlain als Lord President, Halifax als Außenminister, Simon als Schatzkanzler. Die militärische Lage war düster, Belgien stand kurz vor der Kapitulation, die Niederlage Frankreichs war nur noch eine Frage der Zeit. In Flandern waren von deutschen Panzerverbänden mehr als 20 Divisionen - die französische Nordgruppe und das britische Expeditionskorps - eingeschlossen.

Dies waren die Ausgangslage und der Gegenstand der Erörterungen im Kriegskabinett in der Sitzung vom 24. Mai und den darauffolgenden Tagen. Lukacs rekonstruiert den Ablauf minutiös, er zitiert reichlich aus den Kabinettsprotokollen, würzt seine Chronologie mit ausführlichen Zitaten aus den Tagebüchern von prominenten und weniger prominenten Zeitgenossen und erteilt der damaligen Tagespresse das Wort. Das wohldosierte Arrangement von öffentlichem Stimmungsbild und den Diskussionen im inneren Kreis der Macht sensibilisiert den Blick des Lesers für den Gegensatz zwischen Schein und Sein und lässt ihn die prekäre Lage der britischen Regierung nachempfinden. Im kompositorischen Kunstgriff der Beschränkung auf die Wiedergabe fünf entscheidender Tage in britischer Binnenperspektive liegt jedoch zugleich das Grundmanko des Buches: Die politische und militärische Situation des Sommers 1940, das Kalkül der Protagonisten, die Konsequenzen der anstehenden Entscheidungen waren komplexer, als dass sie sich in das Skript von fünf Tagen in London pressen ließen. Auch Lukacs kommt nicht ohne eine kurze Zusammenfassung der Vorgeschichte aus, nicht ohne einen gelegentlichen Seitenblick auf die Korrespondenz zwischen Churchill und dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt, die Überlegungen beim französischen Verbündeten oder die Entwicklungen beim deutschen Kriegsgegner. Doch alles dies wird nur kursorisch gestreift.

Die Nachzeichnung der innerbritischen Diskussion über die künftige Kriegsstrategie - Fortsetzung des Widerstands oder Einleitung wie auch immer gearteter Friedensverhandlungen - trifft das Grundproblem der Durchwirkung von außenpolitischen Entscheidungen mit innenpolitischem Kalkül. Doch auch hier verzichtet Lukacs auf eine tiefere, um Einordnung in die historische Perspektive bemühte Analyse. Seine Darstellung des vor der britischen Öffentlichkeit verborgenen Konfliktes zwischen Churchill und Halifax im Kabinett referiert Bekanntes, der Forschungsstand der letzten zehn Jahre wird allenfalls selektiv berücksichtigt. Wesentliche neue Quellen sind durch Lukacs nicht erschlossen worden. Nicht nur dass die britische Regierung weiterhin einige ausgewählte Regierungsdokumente bis zum Jahr 2015 unter Verschluss hält, auch wichtige private Quellen - wie der Briefwechsel von Außenminister Halifax mit seiner Frau oder das Originaltagebuch von Churchills persönlichem Sekretär Colville - sind nach wie vor gesperrt. In der entscheidenden Frage, inwieweit sich die britische Regierung, oder Teile davon, tatsächlich auf Friedensverhandlungen mit Hitler einlassen wollte, gelangt Lukacs zu keinen Erkenntnissen, die über die bisherige Literatur hinausgehen.

Hauptpunkt der zentralen Sitzungen des britischen Kabinetts am 27. und 28. Mai war die Frage der Fortsetzung des Krieges. Churchill selbst sprach am Abend des 28. Mai das Thema möglicher Verhandlungen mit Hitler an, um die Option mit dem Argument zu verwerfen, dass von Hitler gegenwärtig keine annehmbaren Bedingungen zu erwarten seien und die Aussichten Britanniens sich durch die Fortsetzung der Kampfhandlungen um zwei bis drei Monate nicht verschlechtern würden. Nach Tagen der Ungewissheit war dies das erste Signal der Entschlossenheit. Die überwiegende Mehrheit seiner Kabinettskollegen teilte Churchills Auffassung. Halifax war mit seiner konzilianteren Position weitgehend isoliert, verzichtete nun auf Widerspruch, die Hängepartie war beendet. Zupass kam den Briten der auch von Lukacs in der tieferen Logik nicht enträtselte Haltebefehl Hitlers, der das Gros des von den Briten bereits abgeschriebenen Expeditionskorps aus dem Kessel von Dünkirchen entkommen ließ, auch wenn Churchill bis zum 29. Mai nicht an eine erfolgreiche Evakuierung der britischen Soldaten glauben wollte.

John Lukacs:Fünf Tage in London Deutschland und England im Mai 1940; aus dem Englischen von Michael Hanke; Siedler Verlag, Berlin 2000; 256 S., Abb., 39,90 DM