Europa wird nicht sicher sein, als bis zwischen sich und diesem Mann der Ozean liegt", so soll der korsische Royalist Pozzo di Borgo, ein Berater des russischen Zaren Alexander I., auf dem Wiener Kongress erklärt haben, nachdem Napoleon im März 1815 Elba verlassen und im Triumphzug nach Paris zurückgekehrt war. Und tatsächlich wurde nach dem Intermezzo der 100-Tage-Herrschaft die Insel Sankt Helena im Südatlantik, 1800 Kilometer von der afrikanischen Westküste entfernt, als neuer Verbannungsort für den abermals besiegten Usurpator auserkoren. Damit war das Schicksal Napoleons besiegelt; zugleich aber war das Fundament gelegt für die Entstehung der Napoleon-Legende. Denn seit dem Tage, an dem ihm die Entscheidung der britischen Regierung mitgeteilt wurde, vertauschte er die Rolle des Welteroberers mit der des Märtyrers. Sein Ruhm, so hat Chateaubriand bemerkt, nährte sich jetzt von seinem Unglück.

Ein Geniestreich politischer Mythenbildung

Genau an diesem Punkt setzt die Darstellung von Johannes Willms ein. Der Koselleck-Schüler, derzeit leitender Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und fraglos einer der anregendsten historischen Publizisten dieser Republik, hat sich bereits mit einer meisterlichen Studie über Paris. Hauptstadt Europas 1789-1914 (1998) als Kenner der französischen Geschichte ausgewiesen. Seine vor drei Jahren veröffentlichte, überaus polemische Streitschrift Bismarck. Dämon der Deutschen(ZEIT Nr. 43/97) ließ allerdings fast vergessen, was für ein großartiger Geschichtserzähler Willms ist. Mit seinem neuen Buch kehrt er zu den Tugenden seiner früheren Werke zurück. Es ist elegant geschrieben, berücksichtigt die neuere Forschungsliteratur, zieht aber, soweit es sich anbietet, immer wieder auch die französischen Originalquellen heran. Da fast jeder der Begleiter Napoleons umfängliche Aufzeichnungen und Erinnerungen hinterlassen hat, konnte Willms hier aus dem Vollen schöpfen. Allen voran zu nennen ist natürlich der Mémorial de Sainte-Hélène von Las Cases, der zuerst 1823 in acht Bänden erschien und sofort ein Riesenerfolg wurde.

Der Autor beschreibt den eigenartigen Hofstaat im Exil als "ein Laboratorium charakterlicher Unzulänglichkeiten". Mit prägnanten Strichen porträtiert er die Männer (und deren Frauen), die Napoleon aus ganz unterschiedlichen, nicht immer ganz uneigennützigen Motiven in die Verbannung gefolgt waren. Jeder versuchte den anderen in der Gunst des Meisters auszustechen; Eifersüchteleien und Rivalitäten vergifteten das Klima.

An den Nerven zehrten aber auch Monotonie und Langeweile auf der unwirtlichen Felseninsel. Am meisten litt der entthronte Herrscher unter dem erzwungenen Nichtstun. Mit dem Diktat seiner Erinnerungen verordnete er sich eine Beschäftigungstherapie. Sie konnte ihn jedoch immer nur für kurze Zeitspannen über die Trostlosigkeit der äußeren Umstände hinweghelfen. "Das ist eine grässliche Insel; überdies sitzt man hier in einem Gefängnis", zitiert der Autor eine wiederkehrende Klage Napoleons, und wenn man der eingehenden Ortsbesichtigung, vor allem der Beschreibung der beengten Räumlichkeiten in Longwood House, einem schäbigen, auf einem Hochplateau gelegenen Anwesen, folgt, dann wird man die Berechtigung solcher Klagen kaum in Abrede stellen. Natürlich fehlt auch bei Willms nicht der Hinweis auf die Rattenplage, und mit einer gewissen Lust am anekdotischen Detail berichtet er, wie einmal eine besonders fette Ratte aus dem Hut Napoleons sprang, als dieser ihn nach dem Essen wieder aufsetzen wollte.

Zu einem Gefängnis gehört ein Kerkermeister, und diese Rolle übernahm der britische Gouverneur Sir Hudson Lowe. Die Napoleon-Legende hat ihn zum Schurken im Verbannungsdrama gemacht, demgegenüber sich der mit der Aura des Leidenden umgebene Exkaiser wie eine Lichtgestalt ausnahm. Auch Willms schildert Hudson Lowe als einen engstirnigen, misstrauischen Beamten, der von der panischen Angst beherrscht war, der prominente Häftling könne eines Tages entweichen. So ersann er alle nur erdenklichen, zum Teil absurden Sicherheitsvorkehrungen, die Napoleon zu Recht als schikanös empfinden musste. An Flucht, daran lässt der Autor keinen Zweifel, hat er indes nie gedacht. Denn ihm war sehr wohl bewusst, dass das Martyrium seiner Verbannung die unverzichtbare Voraussetzung seiner späteren Verklärung sein würde. Und darum, um die Fixierung seines Nachruhms, ging es ihm in seinen letzten Lebensjahren. Seine Jünger, denen er seine Erinnerungen und Gedanken anvertraute, dienten ihm dabei als willkommene Multiplikatoren.

Willms hält sich gar nicht erst bei den wohl niemals enden wollenden Spekulationen auf, woran Napoleon am 5. Mai 1821 starb, ob er mit Arsen vergiftet wurde oder einem Magenkrebsleiden erlag. Ihn interessiert vielmehr die Frage, wie die Napoleon-Legende entstehen und wirken, vor allem wie daraus eine höchst schlagkräftige politische Doktrin, der Bonapartismus, geformt werden konnte. Aus drei Elementen setzte sich das Bild zusammen, das Napoleon von sich selbst entwarf und das über die Werke der "Evangelisten" nach seinem Tode popularisiert wurde: Erstens erschien der Bändiger der Revolution von 1789 nun als ihr eigentlicher Testamentsvollstrecker, dem liberale Freiheit ebenso wie soziale Gleichheit am Herzen gelegen habe. Zweitens stilisierte sich der Eroberer zum Anwalt der "Völkerfreiheit"; seine Hegemonialpolitik wurde europäisch verbrämt und umgedeutet in ein zukunftsweisendes Konzept, das angeblich auf eine Konföderation gleichberechtigter Nationalstaaten gezielt habe. Und drittens wurden Napoleon und seine Jünger nicht müde zu betonen, dass der Krieg für Frankreich niemals Selbstzweck gewesen sei, sondern ein Mittel, dauerhaft Frieden zu stiften - ein Wunsch, dem sich vor allem England immer wieder entgegengestellt habe. Willms spricht, bezogen auf diese ziemlich unverfrorene Verdrehung der geschichtlichen Wahrheit, von einem "Geniestreich politischer Mythenbildung". Tatsächlich bildete die auf diese Weise zubereitete napoleonische Heldenlegende ein Propagandareservoir, aus dem sich die politische Bewegung des Bonapartismus nach 1848 großzügig bedienen konnte.