Auf einem Wege", schrieb im Jahre 384 der römische Stadtpräfekt Symmachus an Kaiser Valentinian II., "kann man nicht zu einem so großen Geheimnis, wie es der göttliche Geist ist, gelangen." Und weil dies so sei, plädierte er dafür, den Kult der Victoria wieder zu beleben, deren Altar Kaiser Gratian 382 aus der Senatscurie beseitigen ließ, nachdem ihn Constatius II. bereits entfernt, Julianus Apostata aber wieder zurückgebracht hatte. Der Kampf der heidnischen Partei um die Statue der Siegesgöttin, einer der ältesten Nationalgottheiten der Römer und Schirmherrin über Kaiser und Reich, war nicht nur ein ideologisch-symbolischer Streit, sondern hatte sehr handfeste Hintergründe, waren mit ihrer Entfernung doch auch die finanziellen staatlichen Zuwendungen an heidnische Kultstätten gestrichen worden und viele Tempelvermögen inzwischen an die christliche Kirche gegangen.

Paradigmatisch aber ist der Streit um den Victoria-Altar jenseits aller aktuell-politischen und ökonomischen Hintergründe: Er markiert das letzte Aufbäumen der heidnischen Adels- und Bildungsschicht gegen die ideologische und politische Deutungshoheit, die der neue Glaube mittlerweile beanspruchte. Doch das konfessionelle Konkordanzmodell des Symmachus und seiner Mitstreiter, das Heiden und Christen gleichermaßen Existenzberichtung konzedieren wollte, hatte gegenüber dem von missionarischem Eifer erfüllten Christentum mit seinen radikalen ethischen Forderungen keine Chance. Für den Kirchenlehrer Ambrosius, Bischof von Mailand, der das Gegengutachten für den anfangs schwankenden Kaiser verfasste, war das Christentum inkommensurabel mit jedem anderen Kult. Dem philosophischen Konstrukt des hoch gebildeten Heiden Symmachus setzte er, dem tolerantes Geltenlassen konkurrierender Glaubenvorstellungen undenkbar war, die Offenbarung der Bibel als religio absoluta entgegen, annektierte die Toleranzidee der heidnischen Partei als besondere christliche Tugend, schreckte auch vor billig ironisierenden Invektiven gegen den Götterhimmel der Heiden nicht zurück - und überzeugte den nur 14-jährigen Kaiser schließlich auch dadurch, dass er ihn mit der Exkommunikation bedrohte.

Für den Münchner Historiker Friedrich Prinz markiert der geistige wie politische Streit um den Victoria-Altar die Wende zum Europa der nächsten tausend Jahre: In seiner großen Darstellung der Gesellschaft und ihrer staatlichen Organisation, den Herrschaftsformen, der Kultur und Religion in den sechs Jahrhunderten zwischen Konstantin und Karl dem Großen gilt der Victoria-Streit als "entscheidende Sekunde der Geschichte", wird zum Ausgangspunkt einer "andere(n) Welt". Verloren hatte in dieser symbolkräftigen Auseinandersetzung die religiös polyphone Welt, gewonnen der kämpferische, das Missionsgebot zum Kern christlichen Selbstverständnisses stilisierende Monotheismus mit seinem sich inzwischen auch eminent politisch definierenden Absolutheitsanspruch.

Dennoch wird, wie Prinz eindrucksvoll darlegt, die antike Hochkultur, obgleich von "der neuen Strenge christlicher Weltdeutung und Lebensordnung verdrängt, umgewandelt und [...] radikal entwertet", zur bestimmenden Deutungsinstanz des sich herausbildenden Europa, fungierte gewissermaßen als "Palimpsest" für neue Sinnbeschriftungen. Gleichsam "religiös gebändigt", erstand das kulturelle Erbe der Antike nach den welterschütternden Umbrüchen zwischen dem 4. und 9. Jahrhundert wieder neu als karolingischer "Humanismus". Und auch die vor allem griechischem Geist zu verdankende Kultur des freimütigen Widerspruchs kam in der dialektischen Denkmethode des mittelalterlichen Europa, die hin und wieder sogar die Grenzen des dogmatisch Denkbaren überschritt, neu zur Entfaltung.

Prinz schildert das Werden Europas nicht als chronologische Abfolge von Herrschern, Taten und Ereignissen, erspart dem Leser die ermüdende Auflistung der schier endlosen Reihe jener Chlodwige, Karle und Karlmänner, hangelt sich nicht am Leitseil eines eindimensionalen Deutungsmodells entlang. Vielmehr legt er mehrere Quer- und Längsschnitte, selbst auf die Gefahr hin, wichtige Phänomene unter unterschiedlichen Aspekten mehrfach behandeln zu müssen, schlägt thematische Schneisen durch das schier unübersichtliche Material, mit dem der Historiker sich während des behandelten Zeitraums konfrontiert sieht. Im Zentrum stehen jene Phänomene und Aspekte, die durch das werdende Europa geformt wurden und die es geformt haben: Macht und Armut, Krieg und Frieden, Kunst und Wissen, Familie und Ehe, Rechtsordnung und Lebenswirklichkeit, vor allem aber die Selbstinterpretation des Menschen in Religion, Mythos, Hagiografie und Literatur. Die Kapitel des Buches sind folglich überschrieben: Der Aufstieg des Christentums und die neuen Völker; Die Kirche als bindende und verbindende Kraft; Das neue Städtewesen oder Bau- und Lebensformen der frühmittelalterlichen Welt. Thematisch breit ausholend, fügen sie sich zu einen Mosaik jener Epoche zusammen, die für unsere Gegenwart den Grundstein gelegt hat: mit Konstantin dem Großen an ihrem Beginn und Karl dem Großen an ihrem Ende, Symbolfiguren der "Europäisierung" Europas. Schon die Menschen des Spätmittelalters hatten dies übrigens so gesehen: In den Eingangsminiaturen der Sachsenspiegel-Handschriften des 14. Jahrhunderts sitzen die beiden Kaiser als Stifter und Garanten des Rechts gemeinsam auf einem Thron.

Dass diese Entwicklung aber keineswegs geradlinig und logisch zwingend verlief, macht Prinz ebenso deutlich. Sein Buch ist die Summe einer lebenslangen Beschäftigung mit der Materie. Souverän und kritisch, höchst verlässlich in den Details, dabei aber mutig die Grenzzäune des engeren Fachs übersteigend, praktiziert Prinz das, was man heute gerne als Kulturwissenschaft bezeichnet. Aber er verzichtet dabei auf jegliches modische Decorum; vielmehr zeigt er mit großer Selbstverständlichkeit, dass man nur mit transdisziplinärem Zugriff ein Bild der Geschichte gewinnen kann, das der vergangenen Wirklichkeit so nahe wie möglich kommt. Etwas entschuldigend nennt er seine Darstellungsweise im Einführungskapitel "essayistisch". Sollte dies wirklich der Fall sein, so hätte er damit eine überzeugende, wenn nicht die Form der Geschichtsschreibung für unsere Gegenwart gefunden. Konrad Jarauschs kürzlich auf dem Aachener Historikertag aufgestellte Forderung nach "pluraler Narrative", in der die Vielstimmigkeit der historischen Prozesse zu ihrem Recht komme, hat Prinz jedenfalls mit diesem Buch längst eingelöst.

Friedrich Prinz:Von Konstantin zu Karl dem Großen Das Werden Europas; Verlag Artemis & Winkler, Düsseldorf 2000; 636 S., 68,- DM