Was für ein Kanzler. Diese dreihundert Briefe, ausgewählt aus einem Konvolut von mehr als dreitausend Stücken, führen uns einmal mehr eindrucksvoll vor Augen, wie straff, wie konzentriert der Gründungskanzler der Republik regierte. Zugleich ziehen sie uns hinein in das Herrschaftsdrama jener Jahre, enthüllen uns authentisch die Peripetie der Adenauerschen Kanzlerdemokratie. Es sind "seine", sind Adenauers Briefe, Memoranden, Beurteilungen, dazu als Faksimile einige volle Terminkalenderseiten - die Antworten, die Reaktionen der Adressaten fehlen, dem Editionsprinzip gehorchend. Ein einziger großer Monolog voller Sorge, Skepsis, Bitterkeit, am Ende gar Wut und - Resignation.

Am Anfang steht natürlich der glanzvolle Sieg 1957. Adenauer im Zenit. Seine Union hat die dritte Bundestagswahl überzeugend bestanden, hat als bislang einzige Partei in der deutschen Parlamentsgeschichte in freien Wahlen die absolute Mehrheit der Stimmen und Mandate gewonnen. Von Euphorie allerdings bei ihrem Spitzenkandidaten keine Spur, der große Sieg war eher eine Last, das Austarieren der innerparteilichen Interessen und Gewichte schwierig. Im Anschluss an die mühsame und langwierige Regierungsbildung schreibt er einer CDU-Abgeordneten: "Ich wollte einige Tage Ruhe haben, aber es ist nichts damit. Die Zeiten sind zu aufregend. Ich habe sehr viel zu tun."

Franz Josef Strauß - das Enfant terrible im Kabinett

Über achtzig Jahre alt ist dieser Mann inzwischen, den Sebastian Haffner mit gutem Grund einen "Wundergreis" genannt hat. "Ich muss mit meinen körperlichen Kräften ganz anders sparsam umgehen als bisher. Gerade diese letzten Wochen zeigen mir doch, wie absolut notwendig ich bis auf weiteres bin, zumal seit 1949 alles viel schwieriger und viel umstrittener" geworden ist, schreibt er seinem wichtigsten Mitarbeiter und Vertrauten, seinem Staatssekretär Hans Globke, aus seinem Urlaubsort im südfranzösischen Vence Anfang 1958. Abschließend fügte er nochmals hinzu: "Dazu kommt, dass der Bundeskanzler mit zunehmendem Alter schonungsbedürftiger wird ..."

Gerade diesen Urlaubsreisen in wärmere Gefilde mit ihren immer wieder lobend erwähnten Boccia-Bahnen verdankt die Edition ihre eindrucksvollsten Stücke. Von Pause, von wirklichem Abschalten natürlich keine Spur, auch wenn abends gemeinsam Rätsel gelöst, Kriminalromane gelesen werden. "Ich reise mit dem nötigen Apparat, der Chiffriermaschine, französisch sprechender Telefonistin, Polizei, Stenotypistin usw.", heißt es einmal. Von hier bombardiert er die Zurückgebliebenen in Bonn mit langen Stellungnahmen, aber auch mit Forderungen, Anweisungen, Anfragen.

Die gefürchteten Verweise, meist kurz, knapp und mit Blick für Details formuliert, hagelt es aber vor allem aus dem Palais Schaumburg. Es traf Außenminister Heinrich von Brentano nach einem Staatsbesuch: "Es waren zu wenig Sitzmöglichkeiten. Mir wurde von Herren wie Damen lebhaft darüber geklagt. Der Zapfenstreich war zu spät. Die Leute waren zu müde ... Der Wagenabruf muss schlecht organisiert gewesen sein." Es traf den Hotelchef nach einem Staatsbankett: "Der Kalbsrücken, der bei dem Essen für Herrn Premierminister Debré serviert wurde, war schlecht. Das Fleisch war viel zu frisch und nicht abgehängt."

Es traf auch immer wieder Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, der stets aufs Neue ohne Rückendeckung des Kanzlers sich öffentlich zur Rüstungsmaterie äußerte. Das Thema war heikel, in der Öffentlichkeit besonders umstritten, zumal neben dem Aufbau der Bundeswehr die Ausrüstung mit atomaren Trägersystemen auf die Tagesordnung rückte, sich die Bewegung "Kampf dem Atomtod" dagegen formierte, überhaupt erste Disengagementpläne für "atomwaffenfreie Zonen" entwickelt wurden. Adenauer witterte hinter alldem "eine russische Falle", lehnte mit gutem Grund Vorstöße ab, die zu einer Neutralisierung der Bundesrepublik hätten führen müssen. Und drängte Strauß energisch, mit unbedachten Kommentaren zurückhaltender zu sein: "Ich sehe mich sonst gezwungen, von dem nach Art. 64 GG mir zustehenden Recht, beim Bundespräsidenten Ihre Entlassung zu beantragen, Gebrauch zu machen", schrieb er ihm im Sommer 1958. Allein, es half wenig, Strauß blieb das Enfant terrible im Kabinett - und Adenauers Autorität litt.