Man glaubt es dem agilen Professor mit seinen temperamentvollen Gesten, den blitzenden Augen hinter den dicken Gläsern der Brille, der drängenden Sprache, gleichviel ob Französisch oder Deutsch: Er fühle sich, obwohl er die biblische Kerbe der achtzig hinter sich hat, noch keineswegs alt. Vielmehr arbeite er mit ungebrochener Vitalität an einer Geschichte Frankreichs für die Deutschen: der zwingenden Ergänzung seiner Geschichte der Deutschen, mit der er den französischen Landsleuten (auf annähernd 1000 Seiten) ein Licht über den Weg der Nachbarn aufsteckte, das hinter die gängigen Mythen leuchtet. Joseph Rovan hat, nach eigenem Bekunden, jene historische Erzählung ohne die Hilfe von Quellen, ohne die Auskünfte von Bibliotheken, ohne die Orientierung an Vorbildern niedergeschrieben: aus dem Kopf. Eine frappierende Leistung. Das Buch dürfte freilich, so ist zu fürchten, in Deutschland mehr Leser gefunden haben als in Frankreich.

Die Vermittler zwischen den beiden Völkern diesseits und jenseits des Rheins haben es nicht leicht. Zwar ist die Aussöhnung der vermeintlichen Erbfeinde, zu der sie mit solcher Passion gemahnt haben, zum guten Teil geglückt, und unsere Regenten, hüben wie drüben, können sich schon längst nicht mehr der Realität einer engen Verflechtung der Interessen entziehen: eine entente élémentaire, wie Willy Brandt feststellte. Die Einsicht, dass die deutsch-französische Kooperation der "Motor des europäischen Fortschritts" sei, wurde in abertausend Erklärungen zu einer Grundformel unseres politischen Katechismus, die wir mit gebetsmühlenhafter Unermüdlichkeit selbst im Tiefschlaf aufzusagen vermögen. Umso besser: Sie bezeichnet eine Wirklichkeit, der sich keiner entziehen konnte, so Frankreich- oder Deutschland-fremd die Staatsleute gewesen sein mögen - ob Schröder oder Chirac. Aber zugleich ist die Arbeit des intellektuellen Brückenbaus eher mühsam geworden - und die Zahl der Brückenbauer geringer.

Wer könnte in Deutschland beim Namen genannt werden? Bei den Sozialdemokraten fand sich niemand, dem Carlo Schmids Rang zukäme, erst recht nicht bei den Christdemokraten. Im Umkreis der Universitäten sucht man vergebens nach Lehrern, die den Vergleich mit Ernst Robert Curtius bestehen. Kein deutscher Schriftsteller, kein Journalist würde den hochmütigen Anspruch anmelden, er habe das Bild der Deutschen von ihren Nachbarn so tief und für eine so lange Periode geprägt, wie es Friedrich Sieburg mit dem (fragwürdigen) Mythos seines Essays Gott in Frankreich? vor mehr als 70 Jahren gelang.

Der Auftrag geistiger Mittlerschaft schien nach dem Zweiten Weltkrieg ganz von den Eidgenossen übernommen zu werden: von Herbert Lüthy mit seiner brillanten Analyse Frankreichs Uhren gehen anders, von François Bondy in den scharfsinnigen Aufsätzen, die er aus Paris an den Monat schickte, und neuerdings von Jürg Altwegg (Frankfurter Allgemeine Zeitung) in seinen Beschreibungen der geistespolitischen Landschaft jenseits des Rheines. Man atmet auf, wenn einer der Korrespondenten so aufmerksame, so kundige und liebevoll-kritische Beobachtungen sammelt wie Thankmar von Münchhausen in seinen Streifzügen durch die Geschichte Frankreichs, die er unter dem Titel Eiffels Turm vorgelegt hat.

Das Netzwerk der Beziehungen - verzweigt, bunt, vielköpfig

Joseph Rovan steht dem Bureau international de Liaison et de Documentation, das seit 1945 eine Schaltstelle der Verständigung ist, länger als ein Vierteljahrhundert vor - auch der deutschen Parallelorganisation. Zugleich fungiert er als Chefredakteur der Parallelzeitschriften Documents und Dokumente. Wie lange wird er die Pflicht noch auf sich nehmen? Wer könnte ein ebenbürtiger Nachfolger, eine kongeniale Nachfolgerin sein? Und wer verwaltet das Erbe des anderen französischen Politologen deutscher Herkunft, der zwei Generationen von Studenten ein so präzises und zugleich so differenziertes Bild der deutschen Realitäten zu entwerfen verstand: Alfred Grosser?

Wer zeigte sich mit dem Reichtum, den Abgründen, der Schönheit, den sozialen Bedingungen der deutschen Literatur so souverän vertraut wie der Elsässer Robert Minder, der noch bei Albert Schweitzer Philosophie und Musik studiert und schließlich - Krönung einer akademischen Karriere - am Collège de France gelehrt hat? Wer hätte der französischen Germanistik seit dem Tod von Pierre Bertaux noch jene faszinierende Brillanz geschenkt, die auch für uns durch die Studie über das heimliche Jakobinertum unter den Zöglingen des Tübinger Stiftes so strahlend aufleuchtete, als er uns darüber aufklärte, dass Hölderlin und Schelling und Hegel 1790 die Carmagnole unter dem Freiheitsbaum tanzten?