Václav Havel zählt zu den Ikonen der Jahrtausendwende. Die Bühne betrat er als Kulissenschieber, die Welt eroberte er als Dramatiker, der die kommunistische Bürokratie mit den Mitteln Ionescos und Becketts ad absurdum führte. Sein glaubwürdigster Held war er selbst als Gefangener der sowjetischen Statthalter in Prag. Seine Unbeugsamkeit und sein halbjähriger Triumphzug direkt aus der Zelle in das Amt des Präsidenten Ende 1989 ließen ihn zum Mandela Europas werden.

Das "Leben in der Wahrheit" aber, das Havel der Diktatur beispielhaft entgegengesetzt hatte, kam erst in der Demokratie wirklich auf den Prüfstand. Während der Präsident in Akademien und Konferenzsälen, bei Banken und Banketts für Europas Integration warb, vollzog sich die Desintegration der Tschechoslowakei - halb unter seinen Händen, halb hinter seinem Rücken. Während alle Buchmacher noch die Tschechische Republik an die Spitze der EU-Kandidaten setzten, ritten die neoliberalen Jockeys um Ministerpräsident Klaus, dem Intimfeind Havels, die Prager Reformen zuschanden. Während der Kosovokrieg entbrannte, verlieh der einstige Apostel der Gewaltlosigkeit dem Nato-Bündnis himmlische Weihen: das Völkerrecht, so Havel, sei Menschenwerk, die Menschenrechte aber stammten aus höheren Sphären.

Außerhalb der Politik hat der heute 64-jährige Havel nie moralische Führungsansprüche erhoben. Seine Affären, die ihn im privaten Kreis manchmal kaum besser aussehen ließen als den Dorfrichter Adam, gute Weine, eine Unmenge von Zigaretten und die durchaus lustvolle Teilnahme am Ränkespiel um die Macht entschädigten ihn für seine eiserne Abstinenz gegenüber allen faulen Kompromissen mit dem Kommunismus. Sie erschöpften ihn aber auch zusätzlich. Das doppelte Leben in der Wahrheit, gegen die Diktatur und für die Demokratie, forderte seinen Preis. Mehr als einmal war der Patient nahezu tot, bevor die Operationen doch noch gelangen.

Für eine Tragödie ist dieses Leben dennoch nicht geschaffen. Aber es könnte als ein bewegendes Lehrstück beschrieben werden von der Macht der Freiheitsträume und der Ohnmacht der Politik, von der neuerlichen Gefangenschaft der politischen Idole nach dem Ende des Kommunismus - dann nämlich, wenn ihre Völker den Signalen der Demokratie, Europas und der Werbung folgen und folgen und sich doch immer weiter von ihnen entfernt fühlen.

John Keane, dem Professor für Politikwissenschaft an der Londoner University of Westminster, war das offensichtlich zu wenig. Um eine eigene Theorie der Macht am Schicksal Havels zu demonstrieren, formt er ihn zum "tragischen Helden" um. 17 Seiten zählt der Prolog, 17-mal steht darin das Wort Tragödie. Sie ist Keanes eigene - als Autor. Das Buch scheitert an seiner Vermessenheit. Beachtliche Fundstücke aus der Zeit des "jungen Prinzen" und brillante Bruchstücke aus den Präsidentenjahren können es ebenso wenig retten wie zutreffende Detailkritik am Politiker Havel oder die sympathische Parteinahme für dessen erste Frau, die Adressatin der Briefe an Olga.

Stilblüten und Sachfehler in Hülle und Fülle

Diese Biografie strotzt von Fehlern, Pathos und soziologischen Seminarweisheiten, die Havel ständig auflauern. Griechen und Römer, Aristoteles und Seneca, Novalis und Nietzsche werden bis in die böhmischen Dörfer mitgezerrt. Derart gewappnet, wirft sich Keane, wie schon so viele vor ihm, Machiavelli und Hobbes entgegen, um die "Macht vom Standpunkt der Beherrschten aus" zu "erkunden", weshalb man "diese Studie über Havels Leben und seine Zeit ... als Handbuch für Demokraten bezeichnen könnte". Hätte er dafür doch lieber bei den NGOs in Seattle Lebenserfahrung gesammelt.