Der Kampf um die Rechtschreibung tobt immer noch, indes die Schlacht um die Richtigschreibung verloren ist - so scheint es; im Spiegel stünde "scheinbar". Tatsächlich ist das Kauderwelsch aus falschem, zumindest verrenktem Deutsch vermaledeit, das uns tagaus, tagein aus sämtlichen Medien entgegenschwillt: So schnell kann kein Kongressstenograf mitschreiben, wie die Nachrichtensprecher(innen) und Talk-Moderatoren den Genitiv mit dem Dativ verwechseln, falsche grammatikalische Anschlüsse zusammenhaspeln oder adjektivische mit adverbialen Konstruktionen vertauschen; der hübsche kleine Unterschied zwischen "sicher" und "sicherlich" ist weitgehend unbekannt. "Unseres Erachtens nach", wie sich so schön ein Gewerkschaftsvorsitzender äußerte, spielen die Damen und Herren Politiker dabei in der 1. Liga. "Es werden Aktionen geben", weiß ein Lkw-Funktionär in der heute-Sendung zu prophezeien. Bei den Druckerzeugnissen hat der zum Gespött am Montag herunterredigierte Spiegel die Nase vorn: Seinen Informationswert kann man an der Meldung messen, Hildegard Knef habe in ihrem Roman Der geschenkte Gaul ihre Krebskrankheit verarbeitet - seine Stilkünste an der Mitteilung, Time-Warner sei "der weltgrößte Medienkonzern der Welt".

Dabei darf getrost unterschieden werden zwischen - gelinde gesagt - aparten Wendungen wie Joachim Nawrockis "Meine Mutter war arbeitstätig", der Welt-Schlagzeile (über einen Neonazi) "... werden wir sich Ihrer erinnern" oder des dubiosen Herrn Holzer Auskunft über einen seiner Freunde, "... dass auch er keine Schmiergelder geleistet hat". Die Frankfurter Rundschau verurteilt Hermann Hesse, seine "auf den Amateurstatus spekulärenden Gedichte", und ein Bericht über die Modeaccessoires unserer Olympiakämpfer klagt über seltsame Partnerlosigkeit: die graumausige Uniform mache sie "zum freundlosesten Team". Bei so neckischen Operationen soll auch Frankreichs Kulturministerin nicht verschont bleiben - "Sie wird den bald 65-Jährigen nicht verlängern", liest man erstaunt über einen Intendantenvertrag, während man zum Plagiatsvorwurf gegen Vargas Llosas neues Buch beruhigt wird, "er stelle bekannte Fakten in einen neuen Zusammen".

Egal, egal, hopp, hopp - der Leser ist ja ohnehin dumm

Auch Frau Löffler, nun Chefredakteurin immerhin einer Literaturzeitschrift, ist kühn in ihrer Sorge, "dass viele Kritiker auf Zeilenhonorar schreiben"; auf Papier wäre schon besser. Mag sein, ein Austriazismus. Doch hartnäckige Gerüchte besagen, das neue Blatt erscheine nicht in Grinzing. Wenn eine Dame vom Film ihr Abbild mit der Wirklichkeit verwechselt - "Ich bin die weibliche Hauptrolle", verkündet Franka Potente -, wollen wir ihr verzeihen. Wenn ein Filmredakteur uns das neueste "Gansterpärchen" vorstellt, wollen wir das dem Hinkefuß des Druckfehlerteufels anlasten; obwohl, obwohl: Nun sind doch alle so stolz auf ihre flotten und perfekten Maschinchen. Aber noch nie strotzten Zeitungen derart von Fehlern. "Die Medien kritisierten die Zeitungen die Marineführung" (Welt) und "ist eine Krise Führungskonzeption" (FAZ) und "die Streichung von Essenszuschüsse" (taz), "auf Wunsch des Leser" (Welt) oder "den Dekor abgeben für Frage wie" (FR) - es will so recht nicht überzeugen, das sichere Computersystem samt seinen Anwendern; "nach der Katastrophe bekannt worden sein sollen", summiert die Welt. Auch der SZ vokabuläre Künste - "an denen Wilson er Sommer auf Sommer arbeitet" - wirken eher halsbrecherisch. Was ein "Ei-Außenseiter der Literatur" sein mag - so stellt uns FAZ-Autor Volker Breidecker Peter Weiss vor -, das wird das Geheimnis der klugen Redaktion bleiben.

Ist das einfach nur Nachlässigkeit? Wozu eigentlich bietet die deutsche Sprache etwa den Unterschied zwischen schwer und schwierig, wenn wir uns salopp belehren lassen müssen, für Präsident Clinton seien die Verhandlungen zwischen Arafat und Barak "die schwersten seiner Amtszeit" gewesen? Umsonst oder vergebens, scheinbar oder anscheinend, trotzdem oder obwohl, dasselbe oder das Gleiche: das sind doch Nuancen, die unsere Sprache reich machen? Gewiss, man versteht, was gemeint ist, wenn man liest: "Manche haben in unserem Raum mal reingeschaut" - so recht freuen kann man sich an dem falschen Dativ nicht. Wobei das Falsche sich mit dem Unwahren unerquicklich mengt. Einleuchtend jedenfalls ist nicht, wenn Frank Noack in einer Rezension weiß, dass Golo Mann einen politisch "schuldbeladenen Vater" gehabt habe; auch nicht, wenn eine Feuilletonredaktion Frau Mann Borghese erklären lässt: "Wie ich in Nizza am Grab von Klaus stand, das hat mich sehr berührt". Entweder war die Schwester von Klaus Mann nicht an dessen Grab, das in Cannes liegt, oder das Interview mit ihr hat nie stattgefunden. Redigiert jedenfalls wurde es nicht. Egal, egal, hopp, hopp, der Leser ist ja ohnehin dumm - Nizza oder Cannes, wer weiß das schon; zumal wenn das ZDF uns belehrt, dass der Mont Ventoux "der höchste Berg der Pyrenäen" sei. In Geografie nachsitzen!

So mischt sich das halb Falsche mit dem halb Wahren zum oft ganz und gar Unverständlichen. Eine Barenboim-Glosse der FR will witzig sein: "Familiär oder, mit Heine zu sprechen, famillinär". Indes, so sprach Heinrich Heine keineswegs. Seine geistreiche Wortprägung, den reichen Onkel Salomon foppend, hieß "famillionär".

Ja, ja - wie geht doch gleich das Sprichwort vom Glashaus und den Steinen? So arg fein steht auch die feine ZEIT nicht da, der man zu Sprachkünsten wie "entgegen meines Vorsatzes" applaudieren darf. In Ernst Tugendhats wichtigem Nietzsche-Aufsatz habe ich beim dritten "sowohl ... wie" aufgehört zu zählen, indes ich mich an dem allzeit beliebten "naheliegender" erfreuen konnte.