BSE in Bayern

Machen wir uns nichts vor: Die Meldungen über BSE-Fälle in Deutschland verursachen weit mehr als einen zeitweiligen Zustand üblicher Beunruhigung. Zu groß ist die Angst, sich selbst zu infizieren, zu lückenhaft ist noch das Wissen über die Infektionswege. Reicht es aus, keine Steaks mehr zu essen oder sollte man auch auf Brathähnchen verzichten? Ist die Schokolade aus dem Adventskalender noch okay? Und was ist mit Gummibärchen? Fast in allen Lebensmitteln sind schließlich Rinder-Eiweiße enthalten. Diesem Unbehagen geben die Kommentare in den heutigen Ausgaben der Tageszeitungen neuerlich Nahrung: "Die bayrischen BSE-Fälle stützen augenfällig eine Theorie, wonach Rinderwahnsinn in einem Tier auch spontan, dass heißt ohne Infektion von außen entstehen kann", schreibt beispielsweise Norbert Lossau in der "Welt" – und schließt einen Gedanken an, der Angst macht: Demnach müsste es BSE schon seit "Jahrhunderten" gegeben haben und Rindfleischverzehr deshalb seit jeher ein Risiko beinhalten. Mit der gefälligen Illusion, die BSE-Krise in Europa fände ohne wesentliche deutsche Beteiligung statt, räumt auch ein Kommentar in der "Süddeutschen Zeitung" auf: "Die lange gehegte, auch auf nationaler Selbstüberschätzung gründende Illusion, Deutschland sei eine Insel der seligen Rinder, weicht totaler Ernüchterung", heißt es darin. Und vorsorglich wird schon mal ein verbaler Pfeil in Richtung der politisch Verantwortlichen abgeschossen: "Stereotyp ist die Formel "Wir sind BSE-frei" verkündet worden, auch wenn ein lückenloser Nachweis der Herkunft von Fleischprodukten nirgendwo möglich ist." Einen Ausblick auf mögliche künftige BSE-Schlagzeilen gibt dagegen die "Frankfurter Rundschau": "Wenn es stimmt, dass auf dem betroffenen Bauernhof im Oberallgäu nie Tiermehl gefüttert wurde und alle Tiere aus eigener Zucht stammen, wird der Wahnsinn ja umso schlimmer", heißt in einem Kommentar, der sich in seinem Fazit an Deutlichkeit nicht zurückhält: "Dann ist die Seuche noch schwerer beherrschbar." Dabei ist aber noch gar nicht mal klar, was die Seuche so schwer beherrschbar macht. So erklärte beispielsweise die Fleischer-Innung Brandenburg/Ost geradezu reflexartig, dass Rindfleisch aus Fachgeschäften ohne Bedenken gegessen werden könnte. Das von solchen Proklamationen angesichts der jüngsten Meldungen aus Bayern wenig bis gar nichts zu halten ist, stellt der "Tagesspiegel" auf seiner Meinungsseite klar: "Vermeintliche Gewissheiten lösen sich auf wie die Hirne der befallenen Tiere."

Rentenstreit

Ungewiss ist nachwievor auch der Ausgang des Rentenstreits. Rot-Grün hat die letzte Rentenformel gekippt, die Union fordert sogar ein völlig neues Konzept und der Bundesarbeitsminister "Walter Riester bleibt unter Beschuss". Was im Aufmacher des Handelsblatt noch eher sachlich-neutral klingt, wächst im Kommentar des Blattes auf Seite 2 jedoch zu einer rasanten Kurzabrechnung mit dem Bundeskanzler an: "Gerhardt Schröder regiert nicht, er reagiert auf öffentlichen Druck", wirft dort Autor Heinz Schmitz dem Regierungschef vor und konstatiert fast wütend Versagen im Krisenmanagement. Nach Green Card, Entlassung des Verkehrsministers und Pendler- Subventionen werde jetzt "Walter Riesters Rentenformel beerdigt". Dabei belässt es Autor Schmitz nicht bei durchaus kenntnisreichen Analysen, sondern verrät auch, wie dem Rentenproblem wirklich beizukommen sei: "Es muss Klarheit über weitere Schritte zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit geschaffen werden." Und: "Schröder muss Riesters Vorgänger Norbert Blüm rehabilitieren". Wahrscheinlich hatte Autor Schmitz die "Welt" von heute noch nicht zur Hand, als er seine Zeilen verfasste. Denn bekanntlich zappt sich darin unten links auf der Titelseite täglich ein Mensch namens Zippert durch seine Fantasie und entwickelt dabei so manchen verblüffenden Gedanken. In Sachen Renten sieht Zippert die Lösung ganz einfach bei der Gentechnologie: "Nehmen wir an, ein durchschnittlicher Mensch erreicht demnächst 130 Jahre, dann fallen auf Kindheit und Pubertät 35, auf Arbeitsleben 90 und auf das Rentenalter höchstens 5 Jahre." Bestechend wie einfach die Dinge doch sein können.

ausgewertet: FAZ, FR, SZ, Welt, Bild, Tagesspiegel, taz, Handelsblatt

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