Anton Zeilinger kann mittlerweile sogar Gedanken lesen. Als ihn wieder einmal ein Filmteam in seinem Labor ablichtet und dann begehrt, seinen leeren Stuhl zu filmen, entfährt es dem österreichischen Physikprofessor: "Geh, macht's wieder den Beam-Schmäh." Denn die daraus folgende Sequenz kennt Zeilinger schon aus etlichen anderen Filmen: Vor laufender Kamera scheint sich der bärtige Quantenphysiker plötzlich zu entmaterialisieren und ins Nichts zu entschwinden - ganz wie beim "Beamen" im Raumschiff Enterprise.

Der Filmgag liegt nahe, beschäftigt sich Zeilinger an der Universität Wien doch tatsächlich mit der Erforschung der "Quantenteleportation". Die Erfahrung des Beamens allerdings kann der Physiker bislang nur im Film machen - in Wirklichkeit gelingt es ihm allenfalls, Informationen zwischen einzelnen Lichtteilchen zu übertragen. Gleichwohl haben Zeilingers Experimente ihm zu gewaltiger Popularität verholfen. Denn der Forscher, den seine ungebändigte Haartracht zum echten Nachfahren Einsteins prädestiniert, steht beispielhaft für ein Fachgebiet, an dem sich die Fantasie von Atomphysikern, Science-Fiction-Fans, Philosophen und Esoterikern gleichermaßen entzündet: der Quantenphysik.

Selbstredend, dass Zeilingers Vortrag über die Möglichkeiten der Teleportation auch in Berlin nicht fehlen darf, wo in dieser Woche mit Fachsymposien, Talkshows und einer Ausstellung die "Entdeckung des Zufalls" vor genau 100 Jahren gefeiert wird. Am 14. Dezember 1900 hielt Max Planck in Berlin jenen denkwürdigen Vortrag vor der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, in dem er zum ersten Mal die mysteriösen Quanten einführte. Damals ahnte niemand, am wenigsten wohl Planck, dass er damit eine physikalische Revolution lostreten würde, die bis heute kaum verarbeitet ist.

Keine wissenschaftliche Beschreibung, nicht einmal Albert Einsteins Relativitätstheorie, läuft unserem Alltagsverständnis so zuwider wie die Quantenmechanik. Kein Zweig der Physik führte zu ähnlich tiefen philosophischen Einsichten und zu so fruchtbaren praktischen Ergebnissen - vom Computer über die Atomkraft bis zum CD-Spieler - und blieb doch den Wissenschaftlern so unverständlich wie jene Formelsprache, die das Verhalten der Atome und Moleküle beschreibt.

Physikstudenten trösten sich seit 100 Jahren damit, dass selbst die Größten ihrer Zunft vor dem scheinbaren Irrwitz der Quantentheorie kapitulierten - etwa Einstein, der bekannte: "50 Jahre angestrengten Nachdenkens haben mich der Frage ,Was sind Lichtquanten?' nicht nähergebracht", oder Richard Feynman, der für die Entwicklung der Quantenelektrodynamik den Nobelpreis erhielt und angab, er könne "mit Sicherheit behaupten, dass niemand die Quantenmechanik versteht". Da verwundert es nicht, dass die Debatte über die philosophische Interpretation des Quantenformalismus noch immer nicht abgeschlossen ist. Und es erstaunt auch nicht, dass die schwer fassbare Theorie die kühnsten wissenschaftlichen Träume nährt - von der Nanorobotik über die Teleportation bis hin zur Lösung des Leib-Seele-Problems und der Erklärung des freien Willens.

Was steckt hinter der offenbar ebenso allmächtigen wie geheimnisumwobenen Quantenmechanik? Das Zauberwort, das Techniker und Philosophen gleichermaßen fasziniert, lautet "Komplementarität": die gleichzeitige Gültigkeit scheinbar sich ausschließender Gesetzmäßigkeiten. Der üblichen naturwissenschaftlichen Logik widerspricht dieses Konzept diametral. Ihr zufolge ist eine Aussage entweder wahr oder falsch. In der Mikrowelt, so stellten die Physiker erschrocken fest, gilt dagegen ein entschiedenes Sowohl-als-auch. Atome und Elementarteilchen gleichen sowohl festen Partikeln als auch nicht fassbaren Wellen, sie lassen sich mal eindeutig dingfest machen und scheinen ein anderes Mal an verschiedenen Orten gleichzeitig zu sein.