Dieses aufgeblasene Plastikkissen mit dem dicken watterosa Buch will ich sofort haben. Die Hülle ist farblos und durchsichtig und hat einen Nippel zum Aufblasen wie eine Schwimmmatratze. Fresh Cream steht auf dem Buchdeckel, Fresh eingeprägt, Cream weiß wie Schlagsahne. Es sei ein Buch, das eine ganze Ausstellung in sich birgt, steht auf der Rückseite des Kissens. Zehn Kuratoren haben hundert Künstler ausgesucht. Nur welche, kann ich nicht sehen. Durch den Nippel passt das Buch nicht. Wenn ich blättern will, muss ich die Verpackung zerstören.

Fresh Cream hat einen Vorgänger, der erschien vor zwei Jahren und gewann fünf Design-Preise. Gerühmt wurde die endlich nicht mehr von den Global Players, den Harald Szeemanns und Kaspar Königs, getroffene Auswahl avantgardistischer Kunst. Dieses Mal kommen Kuratoren aus New York, Istanbul oder Bangkok zu Wort, unter ihnen Iwona Blazwick von der Tate Modern in London, Maria Lind vom Moderna Museet in Stockholm, Viktor Misiano, ein Kritiker und Ausstellungsmacher aus Moskau, oder Gerardo Mosquera, der Gründer der Havanna Biennale. Was sie vorstellen, ist sicher wieder "allererste Sahne". Trotzdem: Schade um die schöne Verpackung.

So fett wie dieses Jahr waren die Bücher überhaupt noch nie. Als ob keiner was zu lesen sucht, sondern massive Klötze, die man den Kindchen am Tisch unter den Popo und der Oma unter die Füße schieben kann. Oder aus denen sich Plattformen bilden lassen, Säulen, Treppen, Pyramiden: Stapelware nennen die Verleger das zufrieden. Auch die Buchhändler sind begeistert, endlich können sie ihre Bücher wie Marzipanstollen verkaufen: Hundert Künstler für knappe hundert Mark - was für ein Schnäppchen. Und das Plastikkissen passt super zu meinen aufblasbaren Sesseln von der Designer-Gruppe Inflate, zu den Blow-up-Eierbechern und zu den rosaroten Erdbeeren, die in Gefrierbeuteln darauf warten, dass ich sie zu Weihnachten auftaue und zusammen mit Schlagsahne aufesse.

Was in dem Buch drin ist? Fotos. Denn überall sind viele Fotos drin. In der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts, im Weltreich der Vögel, im Neckermann-Katalog. Ich treffe auf Bilder an den Hauswänden, an den Wartekabinen der Bushaltestellen, auf Tafeln an den Kreuzungen. Von diesen Megabildern grüßen mich liebenswerte Menschen wie Boris Becker, Mika Häkkinen und Claudia Schiffer, und sie sagen mir alle: "Test it." Ein Zug am Reißfaden, die Packung ist auf. Ein Schnitt mit der Schere, und ich halte das fette Buch in den Händen.

Hätte ich es bloß nicht getan. Anstelle von Claudia Schiffers glatten Beinen sehe ich, wie die Künstlerin Tania Bruguera aus Kuba in Bergen von rohem Fleisch sitzt und an einem blutigen Fetzen kaut, sehe Jason Rhoades Trümmer-Baustellen, stiere auf Monster, Mutanten, Depression, Wahnsinn und Vergewaltigung, gebündelt in Filmstills, Performance-Aufnahmen, Fotoarbeiten. Ein wenig Trost für meinen zaghaft werdenden Glauben an die Schönheit spenden Jean-Luc Maylaynes Vogel-Aufnahmen, die Bice Curiger für das Buch auswählte. Aber schon die rosig schimmernden Intarsienfußböden von Wim Delvoye jagen mir bei genauerem Hinsehen wieder kalte Schauer über den Rücken, denn sie bestehen nicht aus Marmor, wie suggeriert, sondern aus kaltem Fleisch. Und weiter geht es mit der Schlingerpartie durch Künstlers Abgründe. Wie gesagt: Schade um die schöne Verpackung.

Fresh Cream Contemporary Art in Culture. Phaidon Press, London 2000; 654 S., Abb., 98,- DM