Ist Garten Natur? Reicht für die Seelenlage nicht auch der florale Bildschirmschoner, wieso muss es draußen noch grünen oder blühen? Werden Tiere im Garten erwartet? Finden wir Vögel natürlich, Rotkehlchen, Lerchen, wenn ja, warum nicht die gemeinen Hühnervögel? Wäre ein Schaf, rupfend hinterm Reihenhaus, zugelassen? Jein? Dann doch auch mal Schnecken, oder? Hasen! Darf unser Stück Natur überschwemmen, mal eintrocknen, bis die Schwarte kracht? Oh, nein, wie sie schreien, die Gärtner! Schön wollen sie es haben, natürlich wunderschön! Nur - ist das Natur?

Garten ist für die meisten Natur, weil wir uns von Natur so gerne angenehmste Bilder machen. Unsere Fantasie funktioniert im Jahre 2000 noch immer im Stile alter holländischer Meister, mit historischen Rosenbollern, schwellend wie junge Brüste. Weshalb sich wie in jedem Jahr auch in diesem auf den Coffeetables die nostalgischsten Bücher ausbreiten, über den Cottage-Kult (wieder da: Christopher Lloyd: Der Cottage-Garten, Verlag Dorling Kindersley, 29,90 DM) oder über den stillen Klostergarten (Mick Hales: Klostergärten, Heyne Verlag, 58,- DM). Gartenträume sind allerhäufigst Retroträume, als fänden wir unsere Visionen von Globalität so anstrengend, dass nur eine Ringelblumenwildnis uns wieder entspannen könne. Tief wurzeln wollen wir, als sehne sich jede unserer gestressten Zellen nach der Ursuppe, in der unser aller Leben als pflanzlicher Glibber seinen Ursprung nahm, ein Thema, über das übrigens wenige so unterhaltsam zu plaudern wissen wie Jean-Marie Pelt, Théodore Monod, Marcel Mazoyer in dem kleinen Band Die schönste Geschichte des Lebens (Gustav Lübbe Verlag, 29,80 DM).

Drei alte Herren, Botanikprofessor der eine, der andere Wüstenspezialist, dazu ein Agronom, und sie reden über die Kommunikation von Eukalyptusbäumen oder die Erfindung des Herbstes und die Verwaisung von Pflanzen, und die Herren sind gar nicht geneigt, alles ganz aussterbend zu finden: "Das Leben hat mehr als nur ein As im Ärmel", sagt M. Pelt. "Betrachten wir doch nur einmal, in welchem Maße in den hochentwickelten Ländern das Interesse an Gartenarbeit wieder zugenommen hat." Monsieur, das ist sehr freundlich betrachtet. Sieht er nicht, jenseits des Gartenzauns, Menschen an schrecklicher Thujahecke? Und Kinder auf saurem Rasen, Nachbarn vor Koniferenwüsten?

Warum das so ist? Weil Menschen, die aus ihren beschleunigten Arbeitsverhältnissen nach Hause taumeln, nicht selten von ihrem Garten nur noch eines erwarten: Er möge bitte, bitte pflegeleicht sein! Man fragt sich indes, ob es eigentlich Gärten geben könnte, die auf unsere Zeit nicht mit Flucht oder Wegtauchen antworten, sondern es aufnehmen mit dem neuen Jahrtausend, auf unerschrockene Weise Modernität umsetzen, wie das Bauhaus den Plüsch geradlinig aus der Architektur vertrieben hat. Tatsächlich, es gibt Anzeichen, dass sich Gärten und Gärtner verändern. Einige wagen was.

Auf experimentelle Weise zum Beispiel. Flora und die schönen Künste heißt ein Buch, das einem Gespräch zwischen dem vergötterten Natürlichen und der skeptischen Moderne lauscht. Anlässlich der Bundesgartenschau von 1999 hatten Künstler auf dem ehemals vom Militär verseuchten und dann grün überformten Gelände vor Magdeburg mit ihren Installationen Fragen gestellt, die höchst ironisch klingen und in diesem Band mit Fotos und Essays dokumentiert sind. Ian Hamilton Finlay setzte einen Schafpferch in die pastorale Landschaft und erinnert uns daran, dass auch im ersehnten Arkadien Furcht war, nämlich die vor dem Tod. Und wer jetzt gleich an bedrohte Pflanzen denkt, muss lernen, dass dies kein unverdächtiges Engagement ist. "Auch darin spiegelt sich noch der Anspruch einer Naturbeherrschung: Der Mensch übernimmt das Protektorat für die Natur", heißt es in einem Essay. In den deutschen Wald jedenfalls bricht die Gegenwart heftig ein: "Its Ten o'Clock Do You know Where Your Children Are?", formuliert spöttisch eine Skulptur von Fortuyn/O'Brian, die zwischen den Stämmen eines deutschen Waldes mit großen Gittern den mythenschwangeren Wanderer zum Innehalten zwingt. Geistiges Graben.

Dem Zeitgeist der Natur kann man sich auch rein sinnlich nähern, über Farbe, Struktur, Design. Dann müsste man bei denen in die Lehre gehen, die auf den Defilees in Paris oder Mailand der neuen Saison zum eleganten Auftritt verhelfen: Giorgio Armani oder Kenzo, Pierre Bergé oder Galliano zeigen in dem opulenten Band Modeschöpfer und ihre Gärten, dass sie auch grüne Zukunft schneidern können.

Anoushka Hempel baut eine Landschaft aus Boxkugeln auf, Studien in feiner Textur, die man mit der Handfläche fühlt, wenn das Auge darüber streift. Valentino drapiert die langen Trauben einer weißen Glyzine vor schimmerndem Naturstein, als sei es ein besonders kostbarer Stoff. Auftritt Loulou de La Falaise: Ihr Haus taucht auf hinter einer Wand aus den pinkfarbigen Stachelblüten der Dahlien.