Wahrscheinlich überschnitt sich im richtigen Moment eine nationale mit einer persönlichen Macke. Im Fall der Familie Bouvier, die seit dem 19. Jahrhundert zu den oberen Zehntausend Amerikas gehörte, ging die Adelsmacke durch mehrere Generationen. John Vernou Bouvier jr., ein ansonsten akurater Major, veröffentlichte Anfang dieses Jahrhunderts ein Büchlein mit dem Titel Our Forbears, in dem er der Menschheit weismachte, man stamme, so man ein Bouvier war, von französischen Baronen und Marquis ab. Jahrelang gab der Major seinen Blaublutmumpitz zum Besten. Wie Donald Spoto in seiner Jackie-Biografie - einer von zwei gerade erschienenen - genüsslich ausbreitet.

Was die amerikanische Öffentlichkeit von der Angeberei hielt, weiß man nicht. Sicher ist indes, dass die Enkelinnen von Bouvier jr., Lee und Jacqueline, zumindest zeitweise von ihrer adligen Herkunft überzeugt waren, die klassischen Distinktionsmerkmale an der eigenen Person registrierten und pflegten. Lee Bouvier ließ sich, nachdem sie in den sechziger Jahren in London einen gewissen Radziwill geheiratet hatte, ungeniert als Fürstin ansprechen. Bei Jacqueline lag der Fall etwas ernster. Es zog sie von ganzem Herzen ins Französische. Sie sprach und las Französisch, Lieblingsgebiet 18. Jahrhundert, sie schwärmte für Madame Recamier, sie ging für ein Jahr zum Studium nach Paris. Das taten wohlhabende Amerikanerinnen gerne, es ist nur deshalb der Erwähnung wert, da Jacqueline Kennedy im Jahr 1960 amerikanische Präsidentengattin wurde und begann, ihre persönliche mit der nationalen Adelsmacke zu verbinden und systematisch zur ikonografischen Methode auszubauen. Es gelang ihr sagenhaft. Es dauerte nur ein knappes Jahr, bis Volksmund und Medien die neue Frau in Washington als "Amerikas Königin" bezeichneten und der Jackie-Kult ausbrach.

Die Summe aus Hollywood und Weißem Haus kommt zwar dem Phänomen, das ein Buckingham-Palast oder Versailles darstellen, nahe. Aber das Gleiche ist es natürlich lange nicht. Mit der Inszenierung namens Jackie Kennedy wurde die Neue Welt der Alten und der ganz alten aber ein bisschen gleicher. Dabei betraf die monarchische Aura Jackie viel mehr als ihren Mann, den amerikanischen Präsidenten. Er galt als überragender Politiker und historische Persönlichkeit, er wurde verehrt, aber ihm haftete nichts Altadliges und schon gar nichts Französisches an. John F. Kennedy verkörperte in idealer Weise den amerikanischen, gesellschaftlich offenen Typus des Bubengenies. Seine Souveränität beruhte auf Hochbegabung, Engagement, Ehrgeiz und realitätsfähigen Visionen, nicht auf der Abstammung von irgendwelchen hirngespinstigen forbears. Jack und Jackie waren ein perfektes Duo, wohl das perfekteste, das es je in Washington gab. Ihre Popularität beruhte auch auf ihrer Unterschiedlichkeit. Erst das Mixtum compositum aus europäischem Flair und amerikanischer Aufbruchsbereitschaft, aus Chanel und Shorts, Reitstunden und Rugby erzeugte die Spannung, in der das schöne Paar erschien. Mit diesem Paar hatten die Amerikaner auf einen Schlag zwei auf die Idee des Absolutismus zurückgehende Systemvarianten, die Monarchie und die Präsidialdemokratie.

Jackie Kennedy war nicht die erste und nicht die letzte Präsidentengattin, die den Platz an seiner Seite mit gewaltigem Prestige auszupolstern verstand. Man weiß um die politische Mitsprache von Rosalynn Carter, die an Kabinettsitzungen teilnahm. Man erinnert sich an die dauergewellte Auftrittsverbissenheit von Nancy Reagan. Aber erst die Clintons aktivierten noch einmal jenes spezielle Erfolgsrezept der Rollenopposition, das sie allerdings dem spätfeministischen Zeitgeist anpassten. Er, Bill Clinton, stellte das Naturtalent dar, das im Politischen über stark ausgeprägte Instinkte verfügt und dem die ebenso stark ausgeprägten Triebe Streiche spielen. Sie, Hillary, verkörperte die emotional kontrollierte Technokratin. Seine Spezialität war der große Schwung, ihre die Flurbereinigung von Systemen und Bürokratien. So war die erste Aufgabe, die Hillary Clinton vor acht Jahren zu lösen versprach, die Neuordnung des amerikanischen Gesundheitswesens.

Ihre Pill-Box war mondän wie ein Plastikeierlöffel

Als die 1929 geborene Jackie Kennedy 1960 ins Weiße Haus einzog, löste sie dort Mamie Eisenhower ab. Diese an Charme, Eleganz und Lächelenergie zu überbieten, hätte jede zweite Bankangestellte aus Arizona geschafft. Aber Jackie war nicht nur gut im Lächeln. Sie war eine Meisterin der optischen Kulturrevolution. Jack Kennedy hatte den Amerikanern im Wahlkampf die "New Frontier" versprochen. Jackies Versprechen war ein New Look. Sie verfolgte dabei zwei Hauptprojekte, zum einen die äußere Erscheinung ihrer Person, zum anderen das Innenleben des Weißen Hauses. Die Veränderungen, die sie in den Räumen des Weißen Hauses vornahm und die sie bewusst nicht Renovierung, sondern Restauration nannte, legte sie in die Hände des französischen Innenarchitekten Stephane Boudin, der zuvor bereits die Räumlichkeiten von Versailles überholt hatte.

Der Aufwand für ihre Garderobe war ungeheuer. Jackie arbeitete mit dem Modeschöpfer Oleg Cassini zusammen, der auch die Filmgarderobe von Hollywood-Stars entwarf. Für Jackie Kennedy war er nicht einfach als Schneider tätig. Er war ihr Drehbuchautor und ihr Regisseur. Er entwickelte mit ihr ein Stilszenario, in dem jedes Attribut von der Größe der Perlenhalskette bis zur Farbe der Handtasche eine semantisch bedeutsame Rolle spielte.