Nicht auszudenken, wie alles gekommen wäre, hätten die Beatles sich nicht Beatles, sondern, sagen wir, Lennon-McCartney-Band genannt. Möglicherweise müsste die Geschichte in weiten Teilen neu geschrieben werden. Aber da war das Kollektiv vor! Rock 'n' Roll sei mit einem leeren Sack zu vergleichen, meinte Ringo Starr auf die Frage, ob es bei der berühmtesten Band der Welt einen "leader" gegeben habe, "we all did our bit to fill it out".

In seiner gelassenen Art hat Ringo damit bereits den Grundstein zu einer Soziologie des Rock gelegt. Neu an der Rockband, wie sie in den frühen Sechzigern entsteht, ist etwas nur scheinbar Simples, Selbstverständliches: die Tatsache, dass es sich nicht mehr um einen Star mit Begleitcombo, sondern um eine Gruppe handelt. Man kennt sich, neckt sich - und macht auch noch Musik. Selbst die Doors, bei denen das Charisma weiß Gott ungleich verteilt war, teilten dieses Selbstverständnis. Jim Morrison soll einmal sehr in Rage geraten sein, als sie bei einem Auftritt als "Jim Morrison and The Doors" angekündigt wurden.

Die Band ist ein Musterfall der Basisdemokratie

Erst die systematische Wissenschaft freilich liest aus den Selbstaussagen der Protagonisten ein "Modell der künstlerischen Kooperation in Kleingruppen" heraus. Rockbands, so Ulrich Spieß in seinem 500-seitigen Grundlagenwerk zum Phänomen, bilden eine "Entität, an der jeder Anteil hat, ohne sie allein zu verkörpern". Sie operieren über Synergien, die sich aus dem Zusammenspiel der primär Beteiligten ergeben, aber auch aus außermusikalischen Formen des Sozialen, sprich: abhängen, Ideen austauschen, Haare wachsen lassen, auf Tournee gehen, Frauen anbaggern. Drogen nehmen, nicht zu vergessen. Nur unter Berücksichtigung all dieser Faktoren wird Rock zum Sozialdesign, stiftet Identität und Gemeinschaft.

Der Befund klingt trocken, das Material ist es nicht. Was "Bandchemie" ausmacht, unterliegt einer O-Ton-Rekonstruktion, die entlegenste Aussagen teils von der Geschichte kanonisierter, teils vergessener Gruppen zu einem paradigmatischen Spannungsbogen zusammenpuzzelt. Bandmitglieder finden über komplizierte Rekrutierungsprozesse zueinander, die ursprünglich nicht den Gesetzen des Marktes gehorchten, sie "riechen" einander schon von fern. Superbe Einzelspieler sind dabei nur das eine. Ein schwaches, aber gut gelittenes Mitglied kann immer noch zum Conga- oder Bassspielen gebraucht werden - nicht zwangsläufig zum Nachteil des Gesamtsounds. The band that plays together stays together: Die Gruppe führt eine Art Männerfamilienleben mit intensivsten Momenten wechselseitiger Inspiration, bis - unterm Druck des Rock-'n'-Roll-Zirkus, der Kommerzialisierung oder auch interner Machtverschiebungen - das Gefüge in scheidungsähnlichen Szenarien auseinander bricht.

Spieß, der "nicht-normative Ästhetik" studiert hat und heute in Wuppertal Leiter des Zentrums für Kulturvermittlung ist, geht es aber um mehr: Die Band ist ihm ein Musterfall des nichthierarchischen, basisdemokratischen Interagierens. Was die Vierer-, Fünfer- oder Sechserformationen auszeichnet, ist ihre Ferne zum Geniemodell des 19. Jahrhunderts. "No guru, no method, no teacher", hat der selbst nicht ungenialische Van Morrison das Verfahren in einem klingenden Satz zusammengefasst: Man muss nicht studiert haben, um sich kollektiv einzugrooven, Bands geben auch dem Dilettanten eine Chance, sein Selbstverwirklichungsmodell durchzusetzen. Günstigstenfalls entsteht aus dem Zusammenwirken ein Produkt, das mehr ist als die Summe seiner Teile.

Von Robert Fripp stammt die verkiffteste, aber auch bündigste Formel für das utopische Moment der Vergesellschaftungsform Rockgruppe: "The band is a microcosm of the universe." Umso bedauerlicher, dass der Forscher Spieß sich keinerlei Spekulation über Strahlkraft und Wirkungsgeschichte seines Gegenstands gestattet, nicht einmal einen klitzekleinen Exkurs. Könnte es zum Beispiel sein, dass in den Sechzigern und Siebzigern der bessere Journalismus aus bandähnlichen Redaktionen kam? Gibt es Parallelen in bildender Kunst, Politik, Fußball? Und wie verhält sich der solide, aber eben vergleichsweise immobile Kumpelkontext Band zur elektronischen Flexibilisierung, die ja bekanntermaßen zu immer kurzfristigeren Kooperationen führt?