Es soll Menschen geben, die trotz www noch Bücher lesen. Wo sie wohnen und was sie tun, wenn alle anderen im Net surfen, wird noch erforscht, aber die Bücher existieren bereits! Einige gelangten auf meinen Schreibtisch, wie eine altmodische Bezeichnung für mein Surfbrett lautet, an dem ich sitze.

Da ist zum Beispiel ein kleines Buch mit dem Titel Mit 100 Sachen durch die deutsche Küche. Einen Autor hat das Buch nicht, dafür 61 Beiträger, die 100 verschiedene Sachen beschreiben, von denen deutsche Esser schwärmen. Die Laugenbrezel gehört dazu, der Kir Royal, Saumagen, Gummibärchen, aber auch Kaviar und Gans. Dieter Baumann trinkt gern Molke, Johannes Willms mag Rollmops, Gerhard Schröder lobt die Currywurst, und Michael Dietrich annektiert das Wiener Schnitzel und weint vor Freude. Weil die Texte kurz sind, liegen sie einem nicht schwer im Magen. Kein Buch zum Nachkochen (nicht einmal zum Nachessen verführt es mich), aber zur leichten Lektüre bestens geeignet.

Schon gar nicht eignet sich der nächste Band für die Küchenpraxis. Wen interessiert es schon, womit eine Geige gebaut wird, wenn er einen Pudding kochen will? Bei dem Buch handelt es sich um einen Versandkatalog der Firma Dick. Er enthält fast nur Werkzeuge, den Kochmessern sind sechs Seiten gewidmet. Aber die haben es in sich! Es sind fast ausschließlich japanische Messer, geschmiedet wie Samuraischwerter und scharf wie Chilipfeffer. Ikonen der Küchenarbeit, ästhetisch und kostbar. Es sind Weihnachtsgeschenke der feinsten Art. (Dick GmbH, Feine Werkzeuge, 94526 Metten, Fax 0991/91 09 50)

Unter dem Allerfeinsten tun es die Deutschen sowieso nicht. Das beweist eine Neuerscheinung mit dem Titel Kaviar von Susie Boeckmann & Natalie Rebeiz-Nielsen. Hier geht es tatsächlich um nichts anderes als um die horrend teuren Fischeier aus dem Kaspischen Meer. Über den Stör, seine Lebensart und seine Verarbeitung (der größte Stör wurde 1908 gefangen und hatte 450 Kilogramm Kaviar im Bauch!) erfährt der künftige Kaviar-Experte eine Menge. Aber der Band enthält auch Rezepte. Die funktionieren alle nach einem Prinzip: Kaviar lässt sich gefahrlos auf jede Speise häufeln, sofern sie nicht süß ist. Warum nicht, wenn man davon ein Fass im Keller hat?

Immer lesenswert sind kulinarische Museumsbesuche: Zu Besuch bei ..., manchmal auch Zu Tisch bei ... Die Tische stehen in den Wohnungen und Häuser berühmter Maler, Musiker und Poeten, und die Speisen, die sie angeblich gegessen haben, bilden den Kern dieser Bücher. Den Reiz der Schnüffelei machen die Abbildungen aus (Monet beim Blumenpflücken). Zur neuesten Küchenbesichtigung führt uns Eva Gesine Baur auf den Landsitz von Giuseppe Verdi. Die 57 Rezepte des Buches sind nicht ergiebiger als das, was wir aus den vielen anderen Büchern über die italienische Küche erfahren. Nicht einmal die Beschreibungen der Essgewohnheiten des großen Komponisten sind bemerkenswert. Dafür erfahren wir viel über den gesellschaftsscheuen Verdi, der sich selbst als bäuerisch empfand: Verdi und die Frauen, Verdi als Gutsherr in der Provinz Parma, wo er seine eigene Mühle und eine eigene Molkerei betrieb. Dass er wie sein Landsmann Rossini ein großer Feinschmecker gewesen wäre, geht aus dem Buch nicht hervor. Seine Versuche in der Küche bewegten sich im Milieu von Risotto und Pasta, nur einmal, wird uns berichtet, habe er Schlangen zubereitet.

Der Band Berlin kocht von Wolf Thieme und Siegfried Rockendorf enthält zwei Bücher in einem. Der erste Teil ist eine Geschichte Berlins unter kulinarischem Aspekt und ebenso interessant wie deprimierend. Hier wird der zivilisatorische Rückstand, den Berlin seit je gegenüber Paris oder London hatte, schonungslos deutlich. "Eine Hauptstadtküche, die ihren Namen verdient", nennt der Autor den Mischmasch aus anspruchsloser Regionalküche und neureichem Protz. Er meint es ironisch, ist zu vermuten. Was er aus der Stadtgeschichte hervorgekramt hat, ist der reine Graus. Chauvinistische Überheblichkeit statt Verfeinerung, Provinzialismus anstelle von Eleganz - und sie waren stolz darauf.

Die restlichen 140 Seiten bestreitet Rockendorf mit Rezepten der "Berliner Küche". Die unappetitlich stark vergrößerten Fotos ersticken jede Neugier. Rockendorf kenne ich zwar als Meisterkoch, aber warum er sich hier mit "Biersüppchen und Bockbiereis" herumschlägt, bleibt unerklärlich.