Nichts auf der Welt wünscht sich Britta-Kajsa mehr als eine Puppe. Doch ihre Eltern sind bitterarm. Britta-Kajsa hat die Hoffnung aufgegeben, jemals eine Puppe zu bekommen. Da schenkt ihr ein geheimnisvoller alter Mann ein Samenkorn. Daraus wächst die herrlichste Puppe, die man sich vorstellen kann: Sie trägt einen roten Hut, hat helles, seidiges Haar und an den Füßen kleine weiße Lederschuhe. Mirabell heißt sie; und wenn kein Erwachsener dabei ist, kann sie sprechen.

Mangel, Sehnsucht, unbändige Freude über die Erfüllung eines Herzenswunsches: Astrid Lindgren hat in ihrem Märchen aus dem Jahr 1949 Erfahrungen beschrieben, die unseren Kindern, jedenfalls soweit es um Spielzeug geht, weitgehend fremd sein dürften. Die Regale durchschnittlicher Kinderzimmer ächzen unter der Last der Plüschtiere, Barbie-Puppen, Playmobil-Ritterburgen, Polly-Pocket-Schlösser, Lego-Raumstationen, Furbys, Lerncomputer, Schachteln mit Gesellschaftsspielen und Kartons mit dem Plastikstrandgut zahlloser Kindergeburtstage. Flohmärkte dienen als Entsorgungsplätze für den Überfluss: Zu einem Zehntel des Originalpreises kann man dort kaum bespielte Sachen nahezu jeder Machart erwerben.

Die Spielzeugbranche, obwohl in den vergangenen Jahren durch sinkende Kinderzahlen und elektronische Konkurrenz unter Druck, darf in diesem Jahr auf einen Umsatz von mehr als sechs Milliarden Mark hoffen, 40 Prozent davon aus dem Weihnachtsgeschäft.

Zwischen 6000 und 7000 Kunden drängeln sich an einem einzigen langen Samstag durch die Spielzeugabteilung von Karstadt in Hamburg. Sie tragen brüllfähige Dinosaurier, Teletubbies, Gameboys, Pokémon-Accessoires und Eisenbahnzubehör für zusammen 400 000 Mark nach Hause.

Dass die materielle Fülle den Kindern nicht guttut, dass sie oft nur fehlende Liebe und Zuwendung kaschiert und eine Welt der falschen Bedürfnisse schafft, ist ein alter Verdacht. Er hat es freilich nie vermocht, den Trend zu immer neuen Produkten, immer kurzfristigeren Kampagnen, immer heftigerem Kampf um die Konsumentenzielgruppe "Kind" aufzuhalten. Immer stärker wird der Spielzeugmarkt seit einigen Jahren von hirnlosen Lizenzprodukten beherrscht. Und immer seltener scheinen Erwachsene sich zu fragen, was eigentlich gutes Spielzeug ist.

Drei größere gesellschaftliche Veränderungen spiegelt die Entwicklung des Spielzeugmarktes wider: Erstens endet die Kindheit heute früh, mit etwa 12 Jahren. Danach wird es für jedes Spielzeug schwer, gegen die Konkurrenz von Handys, CDs, Markenkleidung und elektronischer Ausstattung zu bestehen. Zweitens werden die Erwachsenen kindlicher: Sie spielen fast mehr als ihr Nachwuchs. Und drittens gibt es, wie im wirklichen Leben, einen ungeheuren Druck zur Dauerinnovation, zur Technisierung der Spielprozesse und zur Aufrüstung der Hardware. "Das Erste, was man auf der Spielzeugmesse von uns wissen will, ist selbstverständlich: Was habt Ihr Neues?", sagt Erich Huber, der technische Leiter der Bodo Hennig Puppenmöbel-Manufaktur in Wildpoldsried. Für den Hersteller teurer, klassisch-schlichter Holzpuppenstuben ist diese Frage nicht leicht zu beantworten: Die Zahl der Gegenstände, mit denen man selbst das aufwändigste Puppenhaus ausstatten kann, ist endlich. Und kein noch so entzückender Marktstand, keine täuschend echt bemalten Holzschinken, winzigen Maggi-Fläschchen oder Wäschemangeln für den Zwergenhaushalt sind eine Antwort auf den Elektronikboom, der Bodo Hennig das Geschäft seit ein paar Jahren schwerer macht. Rund zehn Millionen Mark setzt die Firma des 72-jährigen Spielzeugmachers jährlich um - "dafür muss man ziemlich viele kleine Holzteile drechseln und verkaufen", sagt Erich Huber. Puppenhäuser werden heute ebenso just in time hergestellt wie Autos: Platten aus Ahornholz für 1000 kleine Wohnungen lagern in Hennigs Werkstätten. Bis Weihnachten werden sie verarbeitet und unter die Leute gebracht.

Setzten sie allein auf den Kindermarkt, hätten die Allgäuer Spielzeugmacher kein Auskommen mehr. Die Hälfte ihrer Miniaturen erwerben Sammler, Tendenz: steigend. Die Veränderung der Kundenstruktur spricht einerseits für die Infantilisierung der Gesellschaft. So nennt Karstadt Brettspiele, bei denen Kinder wegen des Schwierigkeitsgrades von Anfang an ausgeschlossen sind, als einen Renner im Weihnachtsgeschäft. Und kaum jemand stört sich daran, ausgewachsene Abteilungsleiter auf dem Kickboard zur Arbeit rollern zu sehen. Andererseits hat die Trendverschiebung rührende Aspekte: Alte Damen holen sich mit den historischen Puppenmöbeln ein Stück ihrer Kindheit, die von Krieg und Not überschattet war, zurück.