In seiner Verzweiflung griff Nietzsche - ein letztes Mal - nach jeder Maske, ob niedrig oder erhaben: Cäsar, Sokrates, Voltaire, Napoleon. Aus Dionysos und dem Gekreuzigten formte er einen Zwitter, und er identifizierte sich mit einem Prostituiertenmörder: "Ich bin Prado, ich bin aber auch der Vater Prado, ich wage zu sagen, daß ich auch Lesseps bin ..." So steht es im letzten Brief an Jacob Burckhardt vom 6. Januar 1889. Der Empfänger hat darauf nicht reagiert. Schon der erste blasphemische Satz - "Ich wäre sehr viel lieber Basler Professor als Gott" - mutete seiner Toleranz zu viel zu.

Doch Burckhardts Schweigen war die hilflose Abwehr eines Getroffenen, der selbst in und mit Masken lebte, sich aber hütete preiszugeben, was Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse demaskierend bekannte: "Bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein unseliges allzugewisses Wissen." Als ihn Nietzsches Schwester im Herbst 1895 besuchte, mimte Burckhardt (so Overbeck) den altersschwachen moribond. Das Maskenspiel war defensive Pose, gehörte aber gleichwohl zu den Praktiken, mit denen Nietzsche seinen "Doppelblick" ausstattete. Er sah es in sein Ermessen gestellt, Hanswurst, Satyr oder "Feuilletonist" zu sein; er wusste sich imstande, "Perspektiven umzustellen", und empfahl, "verschiedne Augen für dieselbe Sache einzusetzen", um von dieser einen vollständigen "Begriff" zu gewinnen.

Damit meinte er nicht ein deduziertes Raster, sondern ein von Anschauung gesättigtes Wissen, wie es der junge Burckhardt für sich in Anspruch nahm, als er 1842 schrieb: "Ich habe mein Leben lang noch nie philosophisch gedacht, und überhaupt noch keinen einzigen Gedanken gehabt, der nicht an Äußeres angeschlossen hätte. Wo ich nicht von der Anschauung ausgehen kann, da leiste ich nichts." Was hat Burckhardt aus dieser Beschränkung gemacht!

Nietzsche hat sich seiner "Privat-Hanswurst-Einfälle" gerühmt und zugleich bezichtigt, als wollte er die Denkspuren verwischen, die unter dem Schutz dieser Einfälle verlaufen. Sie bezeugen seine obsessive Fähigkeit, jeder "Sache" ihren Selbstwiderspruch nachzuweisen. In seiner Leidenschaft für die den Ereignissen innewohnende Dialektik nahm er sogar ein Wort des oft verhöhnten Hegel zum Zeugen: "Der Widerspruch bewegt die Welt, alle Dinge sind in sich selbst widersprechend ...", zitiert er zustimmend in der Vorrede zur Morgenröte. Burckhardt, auch er kein Hegelianer, bezog von Heraklit und Horaz die Einsicht, dass der Gegensatz "Ursache alles Werdens" ist.

Dem dialektischen Blick spaltet sich die Geschichte in gegenläufige Impulse auf. Burckhardt konnte dieser Selbstwidersprüche habhaft werden, weil er imstande war, Geschichte "als einen wundersamen Prozeß aus Verpuppungen (sprich: Maskierungen) und neuen, ewig neuen Enthüllungen des Geistes" zu betrachten. Nietzsche, einer der sechzig Hörer seiner Vorlesungen, reagierte fasziniert auf "die tiefen Gedankengänge mit ihren seltsamen Brechungen und Umbiegungen, wo die Sache an das Bedenkliche streift ..." Er selbst trug keine Bedenken, das Umstellen der Perspektiven bis in das explosive Vorhaben der Umwertung aller Werte zu treiben.

"Jede Meinung ist auch ein Versteck"

Was den Denkansatz, nicht dessen äußerste Konsequenz angeht, stand dabei wieder Burckhardt zur Seite. Nietzsches Urteil über die Lust der Philosophen am Verbergen - "Jede Meinung ist auch ein Versteck, jedes Wort eine Maske" - trifft sich mit Burckhardt, der die Kunst eine schwatzhafte "Verräterin" nennt, die obendrein "mit Allem auf Erden nur temporäre Bündnisse schließt". Gerade ihre grenzenlose Verfügbarkeit macht sie zum idealen Gegenstand eines Forschers, der Kunstgeschichte nach ihren konkreten Aufgaben darstellen möchte. Darum geht es in den drei großen Abhandlungen, die der 6. Band der neuen Kritischen Gesamtausgabe vereinigt: Das Altarbild - Das Porträt in der Malerei - Die Sammler. Burckhardt schrieb sie in seinen letzten Lebensjahren zwischen 1893 und 1895. Sie sind zugleich Längs- und Querschnitte durch das Kunstgeschehen, das sich dem Leser als ein Kaleidoskop darstellt, dessen Kontinuum bis in das späte 19. Jahrhundert reicht.