Bis zu den Panikkäufen am 24. Dezember ist es noch ein bisschen hin - genug Zeit, sich bei einem erfahrenen Diplomaten Rat und Orientierung in Geschenkefragen zu holen. Nirgends wird schließlich mehr hin- und hergeschenkt als zwischen Ministern und Regierungschefs: Seit Jahrtausenden werden bei Staatsbesuchen in aller Welt symbolträchtige Kostbarkeiten und grässlicher Kitsch überreicht. Da müsste sich doch im Laufe der Zeit ein riesiger Erfahrungsschatz der Kunst des Schenkens angesammelt haben, von dem auch der Laie im letzten Weihnachtsstress noch profitieren kann.

Die Verantwortung dafür, was Deutschland verschenkt, trägt Busso von Alvensleben, Protokollchef im Auswärtigen Amt. Wann immer Johannes Rau, Gerhard Schröder oder Joschka Fischer ihren Amtskollegen eine angemessene Aufmerksamkeit überreichen wollen, ist sein Rat gefragt. Rund 500 Besuche hat von Alvensleben im vergangenen Jahr bearbeitet, die meisten davon waren mit größeren Geschenken verbunden. Mindestens ein Geschenk pro Arbeitstag - das trainiert. Hinzu kommt die Verteilung bundesadlergeschmückter Kleinigkeiten wie der Krawattennadel für 8,50 Mark. "Im Grunde genommen verläuft kein Besuch ohne Geschenke", sagt von Alvensleben. "Wenn man alles mitzählt, haben wir es jedes Jahr mit Tausenden von Geschenken zu tun."

Auch wenn das Finden von Geschenken nur einen Teil seiner Aufgaben darstellt - von Alvenslebens Büro im Auswärtigen Amt steht ganz im Zeichen des Schenkens: Ein mittelalterlicher Wandteppich hinter seinem Schreibtisch zeigt die Überreichung von Krügen und Münzen an den römischen General Scipio; auf dem Fensterbrett glitzert die Gabe einer Delegation aus Südkorea: ein überdimensioniertes Namensschild mit den bläulich schimmernden Perlmutt-Lettern "Busso von Alvensleben"; in den Schubladen einer alten Truhe lagern unter anderem ein Silberteller aus Libyen mit Kamelmotiv, eine echte Kamelpeitsche, zwei einsame Teetassen aus Asien, ein Brieföffner aus Estland mit Namensgravur.

Man mag das alles für Kitsch halten, Busso von Alvensleben hingegen bezeichnet solche Dinge elegant als "lokale Produkte schmückenden Charakters".

Auch ein erfahrener Profi kann das Schenken nicht nebenbei erledigen: "Man muss das als eine ganz ernsthafte Aufgabe begreifen, sich in Ruhe hinsetzen und grübeln und ein paar Sachen aufschreiben." Zwar hat das Auswärtige Amt ganz andere logistische Möglichkeiten als der Weihnachts-Shopper in der Fußgängerzone - die Problemlage ist jedoch sehr ähnlich: "Ich sehe da keinen großen Unterschied", sagt von Alvensleben. "Wenn Sie Ihrer Frau oder Mutter etwas schenken wollen, dann werden Sie dieselbe Sorgfalt darauf verwenden, die wir bemüht sind hier auf unsere Geschenkauswahl anzuwenden." Die Funktion ist auch überall dieselbe - eigentlich geht es immer um Werbegeschenke: "Das ist natürlich die Grundidee: Wir wollen jemanden für uns einnehmen."

Die Manifestationen dieses Wunsches haben oft etwas rührend Vergebliches. In manchen Ämtern heißt der Raum, in dem eingegangene Geschenke lagern, wegen des hohen Kitschanteils nicht zu Unrecht "Schreckenskammer". Hin und wieder werden sie als Kuriositätensammlungen der Öffentlichkeit präsentiert. So zeigte das Deutsche Historische Museum in Berlin 1994 Honeckers Geschenk-Scheußlichkeiten; noch im vergangenen Sommer verblüffte Helmut Kohl die Öffentlichkeit mit der Präsentation seiner beachtlichen Sammlung von Elefantenskulpturen aus aller Welt. Technischen Fortschritt auf dem Gebiet der Staatsgeschenke symbolisiert der Roboter-Hund Puti, den der japanische Ministerpräsident Mori im September Wladimir Putin schenkte: Wenn Puti gestreichelt wird, bellt er die russische Nationalhymne.

Über die gelegentlichen Missgriffe wird in Diplomatenkreisen nicht laut gesprochen. "Hier schweigt des Sängers Höflichkeit", erklärt auch Busso von Alvensleben, "vor allem bei den Empfängern. Ich habe nie erlebt, dass mir hinterher jemand tief in die Augen geguckt und gesagt hätte: Mein Gott, wie konntet ihr nur so etwas verschenken?" Wie gut die Geschenke ankommen, wird natürlich trotzdem genau registriert: "Wenn jemand ein Geschenk von uns auf seinen Schreibtisch stellt - das ist dann natürlich eine Punktlandung."