DIE ZEIT: Bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen hat es schon häufiger knappe, umstrittene Ergebnisse gegeben. Erleben wir jetzt die kontroverseste Wahlentscheidung in der US-Geschichte?

STEPHEN HESS: Nein, aber die anderen umstrittenen Präsidentschaftswahlen liegen lange zurück. Die letzte - Rutherford B. Hayes gegen Samuel Tilden - gab es 1876, und die Schwierigkeiten hingen damals auch mit dem wenige Jahre zuvor beendeten Bürgerkrieg zusammen. Der Kongress musste letztlich entscheiden und machte Hayes mit einer Stimme Vorsprung zum Sieger. Er wurde dann dennoch zu einem überdurchschnittlichen Präsidenten.

ZEIT: Trotzdem fällt diese Wahl aus dem Rahmen ...

HESS: Ja, weil sie das knappste Ergebnis bei Präsidentschaftswahlen brachte und weil sich so viele Gerichte mit dem Ergebnis beschäftigten. Außerdem ist da noch die ungeheure Aufregung der Medien, die im vorletzten Jahrhundert natürlich nicht herrschte.

ZEIT: Haben die fünf verwirrenden Wochen seit der Wahl Amerika in die Nähe einer Verfassungskrise gebracht?

HESS: Das sehe ich überhaupt nicht. Wir sind der Verfassung buchstabengetreu gefolgt. Alle Streitigkeiten wurden vor Gerichten ausgetragen, und nachdem alle Einspruchsmöglichkeiten genutzt worden waren, musste es eine endgültige Entscheidung geben. Es wurden keine Barrikaden errichtet, und es gab auch keine explosiven Situationen auf der Mall in Washington.

ZEIT: Wie kann der kommende Präsident mit seinem auf jeden Fall umstrittenen Mandat erfolgreich regieren?