Mit dieser Information kamen ein paar aus der Blair-Mannschaft am selben Abend ins Londoner "Global Cafe" zu einem Polit-Event, dessen Timing gut paßte. Hier wurde, im Kreise von Aktivisten, Sympathisanten und Denkfabrikanten der Blairschen Reformlinken, ein neuer Think-tank namens Policy Network ins Leben gerufen, dessen Spezialität die Präsenz im Internet sein wird - zwecks Aufbau eines Kommunikationsnetzes für alle, die reformpolitisch guten Willens und - mehr oder minder unverzagt - auf dem "Dritten Weg" weiterhin unterwegs sind (auch wenn dieses Unternehmen so kaum noch jemand nennt). Meinungen, Analysen und Informationen sollen in diesem Netz in der zeitgerechten neuen Geschwindigkeit ausgetauscht werden, auf dass die "progressiven Regierungen" und ihre Helfer in Europa ihre starke Stellung wenigstens in der alten Welt halten können und entsprechend ausgerüstet in die beiden wichtigen europäischen Wahljahre 2001 und 2002 gehen.

Policy Network, so seine beiden jungen Gründer Fréderic Michél und Andrew Hood, wollen vor allem ein modernes Instrument für den Klub der bisher 15 "progessive governments" sein, die sich in Berlin im Juni 2001 zum ersten mal zu einer Gipfelkonferenz getroffen haben (die nächste Konferenz steigt im September 2001 in Stockholm).

Ein solcher Ausbau des politischen Instrumentariums sei jetzt, nach dem Ausfall Amerikas als Partner der Progressiven - und möglicher Partner der europäischen Rechten -, "notwendiger denn je", sagte die Abgesandte Blairs, Großbritanniens e-commerce-Ministerin Patricia Hewitt. Sie war in den Neunzigerjahren an der Neuorientierung der Labour Party aktiv beteiligt und hatte all die Jahre intensiv mit Bill Clintons New Democrats zusammen gearbeitet hatte ("wir haben viel von einander gelernt"). Im "Global Cafe" machte sie aus ihrer Bitterkeit kein Hehl. "Gore ist die Präsidentschaft gestohlen worden", sagte Patricia Hewitt. Womit sie nicht zuletzt die Stimmung widergab, die im Milieu der Clintons herrscht.

Policy Network ist politisch unabhängig, inhaltlich und personell aber eng mit den Think-tanks von New Labour verknüpft. Die Organisation, ein kleiner Apparat von 7 Mitarbeitern, will mit zwei Web-Sites arbeiten: eine soll öffentlich für Infos und Debatten zu unterschiedlichen Reformthemen zur Verfügung stehen. Sozialstaatsfragen werden dabei ein Schwerpunkt sein. Hier sollen auch Grundsatztexte veröffentlicht werden, wie beispielsweise der von Gerhard Schröders Redenschreiber, Reinhard Hesse, der zur Internet-Premiere einen Beitrag zur deutschen Sozailstaatsreform lieferte, mit deutlich kritischen Tönen gegenüber den Gewerkschaften. Das solche Artikel mit Streitthemen des Lagers Links von der Mitte die Regel sein werden, glaubt Fréderic Michél allerdings nicht: "Nicht alle Regierungschefs geben ihren Autoren soviel Freiheit." Der Franzose, der in England lebt und mit geholfen hat, den "Dritten Weg" auch für Frankreichs Sozialisten einigermaßen begehbar zu machen, kennt seine Pappenheimer; zu beiden Seiten des Ärmelkanals.

Die zweite Web-Site bleibt den Insidern und Politikmachern vorbehalten. Policy-Network will dem Gedankenaustausch auf dieser Ebene die Sicherheitsstufe des internationalen on-line-Banking zusichern. Doch das ist vielleicht gar nicht das Problem. Eher könnten die gutwilligen Vernetzer auf die Tatsache stoßen, dass nicht jeder Staatsekretär oder Stabschef ein IT-Experte und kundiger Netsurfer ist. Da haben auch "progressive Regierungen" ihre Grenzen.

Daher wird es alsbald auch eine gedruckte Debattenzeitschrift geben. Die Modernisierer sollen da ihre ganz traditionelle off-line-Heimstatt finden.