die Fluktuation des ohnehin zu schmalen Personals und der "Mangel an ordentlichen Verwaltungsmethoden" führe zu "institutionellem Gedächtnisverlust". In diesem Chaos fiel es Unternehmen aus dem Westen leicht, "bedeutende und nicht kontrollierbare Gewinnmargen zu erzielen".

Bürokratie, Schlamperei, Chaos. Und dahinter: Tiefer Dissens

Nach Veröffentlichung der harschen Kritik räumte die EU-Kommission die Mängel ein und beichtete, dass es von der Beschreibung eines technischen Einbaus bis zum Vertragsschluss mit einem Lieferanten durchschnittlich 18 Monate dauere - und dann noch einmal mehrere Jahre bis zur Lieferung des Gewünschten. Kein Wunder, dass von den rund 950 Millionen Euro, die für die Ostkraftwerke seit 1991 bereitgestellt wurden, noch mehr als die Hälfte auf Europas Konten schmoren.

Bürokratie und Schlamperei sind Ausdruck eines tiefer liegenden Problems: Die Staaten der EU sind sich nicht darüber einig, was sie unter Sicherheit verstehen. Ihr "Übereinkommen über nukleare Sicherheit" von 1999 enthält lediglich Leerformeln. Es fehlt an Regeln, vor allem aber an Verantwortung: Europa hat keine Behörde für Reaktorsicherheit. Zwar mangelt es nicht an Komitees, die sich mit technischen Einzelheiten der KKW Ost befassen - "doch dort sitzen viele Leute herum, deren Länder keinerlei Kernkrafterfahrung haben, außerdem fast nie Ingenieure, sondern hauptsächlich Juristen", heißt es hinter vorgehaltener Hand.

In den Komitees entstehen gewundene Formulierungen, die über den Dissens bei wichtigen Themen hinwegtäuschen: Reaktor-Containment, Vorsorge gegen Rohrleitungsbruch, Design von Sicherheitssystemen und etliches mehr. Wie tiefgreifend die Differenzen sind, zeigen schon die jahrelangen Verhandlungen zwischen deutschen Siemens- und französischen Framatome-Technikern über den "Europäischen Druckwasserreaktor" (EPR). Bis heute ist es ihnen nicht gelungen, sich endgültig über die Sicherheitstechnik zu einigen - und bei diesen Verhandlungen sitzen noch nicht einmal deutsche Atomaussteiger am Tisch.

Nahezu unerreichbar wird der Konsens, sobald auch noch die eher laxen Sicherheitskonzepte der Briten oder die erst recht fragwürdigen Standards der Finnen ins Spiel kommen. Im Falle des tschechischen Kraftwerks Temelin, das für so viel Ärger mit den Österreichern sorgte, kommt die transatlantische Peinlichkeit hinzu, dass es zwar fachkundig von der amerikanischen Firma Westinghouse umkonstruiert wurde, aber von den in Europa üblichen Kriterien in sicherheitsrelevanten Details abweicht - nach unten.

Westinghouse wird insbesondere dafür kritisiert, dass überlebenswichtige Rohrleitungen streckenweise in nur einem Meter Abstand voneinander verlegt sind