Neues vom weltweiten Kampf gegen die Globalisierung: Ein Jahr nach den Straßenkämpfen von Seattle haben die ersten Demonstranten ihr Herz für die WTO entdeckt, die einst verhasste Welthandelsorganisation. Okay, nicht alle.

Etliche Protestgruppen halten an ihrer radikalen Ablehnung aus den Novembertagen von 1999 fest, machen die WTO für Armut und Umweltzerstörung in aller Welt verantwortlich. Der Aktivist und Ökonom Walden Bello spricht von einer "fundamentalen Fehlkonstruktion". Und die einflussreiche Washingtoner Aktivistengruppe Public Citizen bleibt bei ihrem Aufruf "Shrink or Sink" - entweder Schrumpfkur oder Abschaffung der WTO.

Doch es fällt auf, dass bei den jüngsten "Shrink or Sink"-Unterzeichnern - anders als bei früheren Aufrufen - plötzlich ein paar große Namen fehlen. Das liegt daran, dass sich die Anti-WTO-Bewegung hinter den Kulissen in zwei Hälften gespalten hat, ganz ähnlich, wie sich einst die Grünen in "Fundis" und "Realos" trennten - in radikale Gegner der WTO und solche, die sie reformieren wollen. Die Reformer glauben, dass die Welt ohne WTO noch schlimmer wäre: Anarchie an den Weltmärkten, freie Bahn für reiche Länder und mächtige Konzerne, willkürliche Unterdrückung von Exporten aus Entwicklungsländern. "In der WTO muss eine völlig andere Politik gemacht werden", sagt die Soziologin Saskia Sassen, eine Vordenkerin der Antiglobalisierungsbewegung. Aber Einrichtungen wie die WTO hält sie trotzdem für die "Grundsteine" einer neuen Weltwirtschaftsordnung, weil sie eben von Staaten ausgehen und nicht allein vom Markt beherrscht werden. Auch der große deutsche Dritte-Welt-Verband Germanwatch zählt sich zu den Reformern. Sein Chef Michael Windfuhr ist für "multilaterale Regelwerke" am Weltmarkt und "damit im Grunde auch für die WTO". Natürlich für eine grundlegend überarbeitete Organisation: zurechtgestutzt auf ihre Kernaufgaben und eingebettet in andere internationale Vertragswerke, etwa zum Umweltschutz.

Häufiger hört man solche Stellungnahmen allerdings hinter vorgehaltener Hand.

Denn eine Spaltung der Bewegung will natürlich niemand in der Szene, und das Demo-Spektakel der radikaleren Hälfte verschafft beiden Fraktionen Aufmerksamkeit. "Wenn es nur Reformer gibt, wird man nicht so ernst genommen", verrät ein Aktivist.