Verfallen steht im Dorf Jütrichau nahe Magdeburg das "Einfamilienhaus mit Anbau und Schuppen". Das Leben ist ausgezogen, lange schon. Im Katalog wird eine Frau als Eigentümerin geführt, Aufenthaltsort unbekannt. Verkehrswert des "leer stehenden, nicht nutzbaren" Häuschens inklusive Grund: 39 000 Mark.

Verödet auch die Doppelhaushälfte unweit in Güsten, "zwei Geschosse, Baujahr 1925". Eigentümer ist laut Katalog ein Mann aus Groß Schwülper. Wohnte er selbst früher hier? Verkehrswert der Haushälfte: 36 000 Mark. Oder der prächtige Altbau ("mit Nebenanlagen") im Flecken Gräfenhainichen bei Wittenberg. Aufwändig saniert, wirkt er wie ein Fremdkörper zwischen den DDR-grauen Einfamilienhäusern ringsum. An der schneeweißen Hauswand leuchtet traurig ein Reklameschriftzug "Design-Shop" weithin sichtbar in der Dämmerung. Das war offenbar nicht die Geschäftsidee, um in dem bäuerlichen Dorf, das wie ausgestorben wirkt, Erfolg zu haben. Verkehrswert des Objekts: 428 000 Mark.

Spurensuche nach Katalog in Dörfern und Kleinstädten der ostdeutschen Provinz. Trostlose Orte, um die der Aufschwung Ost einen Bogen gemacht hat.

Auf der Liste fast nur Altbauten. Und fast immer sind die Besitzer nicht zu sprechen. Die Eigentümerin eines Zweifamilienhauses "mit hofseitigem Anbau, Verkehrswert DM 90 000" im Dorf Güterglück bei Dessau sei verreist, sagt die Mieterin barsch und macht das Fenster wieder zu. Der Besitzer eines umgebauten Einfamilienhauses in Zielitz, "Verkehrswert DM 330 000", bestreitet am Telefon, der Gesuchte zu sein, obwohl die Handynummer unter seinem Namen eingetragen ist.

Niemand steht gern im VIZ, dem monatlich erscheinenden Versteigerungskalender für Immobilien in der Zwangsversteigerung des Ratinger Argetra-Verlags. Wer in einem Zwangsversteigerungsverfahren steckt, muss mittlerweile mit breiter Publizität leben. Verlage und Agenturen haben das Geschäft mit den immobilen Schnäppchen entdeckt. Bei den Betroffenen stehen Besucher unangemeldet vor der Tür und bitten um eine Besichtigung. Oder es schreiben windige Finanzmakler in der "Hoffnung, Ihnen unter Umständen eine Hilfestellung anbieten zu können". Die Informationen beschaffen sich Kreditwerber, Agenturen und Verlage aus den kommunalen Amtsblättern und bei den 800 Amtsgerichten der Republik, wo die Bekanntmachungen der Versteigerungstermine aushängen und mancherorts ganze Flure füllen.

Seit Mitte der neunziger Jahre steigt die Zahl der Zwangsversteigerungen kontinuierlich - in diesem Jahr um neun Prozent gegenüber 1999 auf 57 600 Termine, bei denen es um 25,4 Milliarden Mark geht, gemessen am Verkehrswert der Objekte. Das bedeutet nahezu eine Verdoppelung seit 1996. Vor allem der Osten treibt die Quote hoch. Während sich der Zuwachs im Westen in Grenzen hält, Bayern sogar einen Rückgang verzeichnet, mehren sich die Fälle in Sachsen und Thüringen, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Die Länder verzeichnen Zuwächse von 20 oder gar 30 Prozent innerhalb eines Jahres.

Im Westen bedeuten Zwangsversteigerungen meist das Ende des Traums von den eigenen vier Wänden, weil knapp kalkulierte Baufinanzierungen durch Arbeitslosigkeit oder Scheidung zusammenbrechen. Im Osten dagegen zeugen sie vielfach von Geschäftsgründungen, die in die Pleite führten und für deren Finanzierung Häuser beliehen wurden. Auch kommen nun viele der am Bedarf vorbei gebauten Gewerbeobjekte und Eigentumswohnungen unter den Hammer, die sich nach dem Auslaufen der Steuervorteile als Fehlinvestitionen erwiesen haben. Und schließlich nehmen die so genannten Teilungsversteigerungen zu, im Osten wie im Westen, weil Erbengemeinschaften sich über Immobilienvermögen zerstreiten.