Die grüne Führungsriege zu Besuch auf einem vorbildlich geführten Biobauernhof, das ist das politische Event, das einem in den Zeiten des Rinderwahns eigentlich nicht erspart bleiben dürfte: Fraktionschef Rezzo Schlauch, Parteichef Fritz Kuhn beim Tätscheln glücklicher Kühe - das würde passen. Aber die Grünen beim Automobilproduzenten DaimlerChrysler, das hat bei aller realpolitischen Vernunft noch immer etwas vom clash of cultures.

"Ein kleiner Schritt für das Auto, ein großer Schritt für die Grünen", resümiert der grüne Verkehrsexperte Ali Schmidt ironisch die Reise der Parteiführung nach Stuttgart in die Welt der Autobauer.

Wer, wenn nicht Rezzo Schlauch könnte diese Mission anführen? Nicht nur lokalpatriotische Gründe sprechen für den Schwaben. Erst im Mai hat er mit seinen autofreundlichen Thesen innergrünen Wirbel ausgelöst. Das Auto, hieß es da, sei heute das "Verkehrsmittel Nummer eins". Für viele Menschen sei es "gleichbedeutend mit der Freiheit, jederzeit spontan entscheiden zu können, wohin man will". Nicht mehr moralisch-erzieherisch solle die Ökopartei künftig mit dieser Tatsache umgehen, vielmehr sei "das Bedürfnis nach individueller Mobilität zu akzeptieren". Das sind bei den Grünen noch immer umstrittene Sätze. Jetzt in Stuttgart beteuern die Daimler-Leute artig, wie aufmerksam und erfreut Schlauchs damaliger Tabubruch in ihren Reihen registriert worden sei.

Aber Schlauch hatte seinerzeit nicht nur von der Faszination des Autos geschwärmt, sondern auch die ökologische Verantwortung angemahnt. So sah man ihn nun in Stuttgart nicht bei einer der traditionellen Werksbesichtigungen plus Probesitzen in der Mercedes S-Klasse. Stattdessen wurde die grüne Delegation über die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Brennstoffzelle informiert, mit der - geht es nach den Daimler-Ingenieuren - in Zukunft sogenannte Null-Emissions-Autos angetrieben werden sollen. Im Jahr 2004 soll der erste A-Klasse-Mercedes mit Brennstoffzelle auf den Markt kommen, leistungsstark wie ein konventionelles Fahrzeug und kaum teurer: technischer Fortschritt im Dienste der Ökologie, der Verbraucher und künftiger Arbeitsplätze - das wirkt, als sei es direkt dem grünen Wahlprogramm entnommen. Das gefällt den Besuchern. Und weil man auch bei DaimlerChrysler an diesem Tag ganz auf Harmonie gestimmt ist, verweisen die Manager höflich und immer wieder darauf, wie sehr man doch am Konsens mit der Politik interessiert sei.

Voller Selbstbewusstsein retourniert Rezzo Schlauch, der kurzerhand "den Smart und die Mercedes A-Klasse auf das Konto der Grünen verbucht" sehen möchte. Ohne das Wirken seiner Ökopartei hätte sich die Nobelmarke Mercedes doch kaum zur Produktion verbrauchsgünstiger Kleinwagen entschließen können, tönt er. Deshalb solle man sich auch im Hinblick auf künftige Entwicklungen "vor strategischen Partnerschaften nicht scheuen", mit diesen Worten umgarnt Rezzo Schlauch die Daimler-Manager. Spricht's - und verschwindet mit einem wasserstoffgetriebenen Daimler-Go-cart. In die große Freiheit.