Diese Inszenierung ist ein Attentat - und die lautstarken Proteste, die sich nach eindreiviertel Stunden im Hamburger Thalia Theater in den heftigen Applaus mischen, hat sich der Regisseur redlich verdient. Der junge, hochbegabte Michael Thalheimer hat Franz Molnárs Rummelplatzklassiker Liliom so radikal entschlackt und entschmalzt, dass von all der schönen Prater-Seligkeit, vom Strizzi- und Dienstmadl-Sentiment rein gar nichts übrig geblieben ist. Statt Romantik gibt es Drastik, statt Tränen Sperma, statt Milieu glatte Wände, statt Budenzauber Piktogramme. Doch das Wunder geschieht: Molnárs Liliom überlebt das Attentat - und wirkt nun so vital, als sei's ein Stück von Büchner oder Horváth. In der ausgebeinten, um reichlich Text und Personal erleichterten Fassung wird aus der wehseligen Romanze vom rauflustigen Kirmesausrufer, hinter dessen ach so rauer Schale ein ach so weiches Herz schlägt (Frauenliebe läutert Männerhiebe ...), die bitterkalte Tragödie zweier sprachloser Menschenkinder, denen auf Erden wie im Himmel nicht zu helfen ist. Es ist eine existenzielle Sprachlosigkeit: Jedes Sagenwollen führt ins Verstummen oder verzerrt die Worte zum unverständlichen Gebrüll. Nur die Körper verraten noch, wie's da drinnen aussieht - und so trägt jede Figur bei Thalheimer eine eigene Haltung oder Pose wie ein groteskes Mal am Leib. Stark das Ensemble, großartig die beiden Hauptdarsteller: Peter Kurth in der Titelrolle, eine linkische Masse Mann mit strähnigem Haar und Armen wie Schaufeln, Fritzi Haberlandt als seine schwangere Julie, dürres Elend im roten Röckchen, mit Fingern, die sich erbarmungswürdig winden und verdrehen. Seelenverwandte in einer Welt von Spießern, Ausbeutern und Ganoven - mit einer einzigen stummen Bewegung, einem hilflosen Schlenkern der Arme aus der Hüfte heraus (er tut es zu Beginn, sie am Ende), erzählt die Regie eine schrecklich-schöne Liebesgeschichte. Molnárs Liliom ist hier wahrhaft wiedererstanden. Und Thalheimers Inszenierung ein starkes Stück.