Wie in Deutschland sind die Banken derzeit auch in Frankreich dabei, sich neu zu ordnen. Dabei wird die ehemalige Staatsbank Crédit Lyonnais (CL) eine zentrale Rolle spielen, schätzt der französische Bankenverband.

Mit der spektakulären Übernahme von Paribas durch die Banque Nationale de Paris hatte die Umstrukturierung des französischen Bankensektors ihren vorerst letzten Höhepunkt erreicht. Nun richten sich die Blicke auf Crédit Lyonnais (Wertpapier-Kennnummer 923 862): "Die Bank ist für viele aus- und inländische Wettbewerber eine der letzten attraktiven Einstiegsmöglichkeiten", sagt Jean-Baptiste Bellon, Pariser Analyst der Deutschen Bank Research.

Noch herrscht Ruhe um die viertgrößte Bank Frankreichs, die Anfang der neunziger Jahre in Finanzskandale verwickelt war. Ein Aktionärspakt zwingt diverse an CL beteiligte Kreditinstitute und Versicherungen zum Stillhalten - trotz ihrer unterschiedlichen Interessen. Unter ihnen sind beispielsweise die Allianz (sechs Prozent) und die Commerzbank (vier Prozent). Der französische Staat hält noch zehn Prozent, einen gleich hohen Anteil besitzt die Genossenschaftsbank Crédit Agricole. Unter ihrer Führung war der Pakt im Zuge der staatlich finanzierten Privatisierung geschlossen worden. Ende Juni kommenden Jahres läuft er aus. Die Entscheidung, ob er noch zwei Jahre fortgeführt wird, steht nach Ansicht von Analyst Bellon kurz bevor. Der Grund: Die Axa-Versicherung (5,5 Prozent) - das französische Pendant zur Allianz - drängte zuletzt wiederholt darauf, aus dem Pakt auszusteigen. Das würde es Konkurrenten wie der Dresdner Bank ermöglichen, ihren Anteil auszubauen. Diese hatte sich bereits Anfang des Jahres mit 3,5 Prozent am Streubesitz des CL bedient. Crédit Agricole ist jedoch daran interessiert, den Stillhalte-Pakt zu verlängern.

Die derzeitige Ungewissheit über das Andauern des Abkommens gibt der Anlage laut Bellon einen spekulativen Charakter. Nach Vorlage der soliden Herbstzahlen stufte sein Haus die Aktie - unter anderem wegen der anhaltenden Spekulationen - auf "Kaufen" ein. Deutsche Bank Research vermutet, dass der Aktienkurs in den kommenden Monaten um ein Fünftel steigt. Die Investmentbank Goldman Sachs hob das Kursziel erst kürzlich auf 72 Euro an. In den vergangenen Wochen tendierte der Titel um 40 Euro. Bereits Anfang des Jahres war der Kurs hochgeschnellt - damals waren Gerüchte über eine Übernahme durch die französische Société Générale laut geworden. Die Investmentbank Merrill Lynch hatte die Aktie später aufgrund nachlassender Spekulationen auf "Halten" zurückgestuft - eine durchschnittliche Bewertung.

Die größten Gefahren birgt laut Angaben von Analysten die starke Präsenz des Crédit Lyonnais in den Vereinigten Staaten und die dort herrschende Unsicherheit über die künftige wirtschaftliche Entwicklung. Ein Rückgang der amerikanischen Konjunktur könnte die französische Bank in Mitleidenschaft ziehen. Darüber hinaus sei noch nicht abzusehen, ob Crédit Lyonnais den angestrebten Wechsel meistern wird. Die ehemalige Staatsbank möchte sich stärker auf Vermögensmanagement, Privatkundengeschäft und Investmentbanking konzentrieren.